Bentley Torcal: 888-PS-Stromer bedient sich bei Porsche

Wer dachte, der VW-Konzern baut bei seinen Elektro-Flaggschiffen nur noch vorsichtige Modellpflege, wird beim Bentley Torcal eines Besseren belehrt. Der erste reine Stromer aus Crewe nutzt zwar die Plattform des elektrischen Porsche Cayenne, schiebt die Leistungswerte mit 653 kW (888 PS) aber schlicht in eine neue Dimension. Für geschätzte 200.000 Euro Einstiegspreis rollt ab Frühjahr 2027 ein 2,7-Tonnen-Schiff an, das den Spagat zwischen absurd hohen Leistungsdaten und edlem Luxus versucht. Doch hinter den imposanten Zahlen steckt ein gewagter Technologiemix, der im Konzern für reichlich Zündstoff sorgt.
Viel Porsche-Technik, aber ein eigener Weg beim Fahrwerk
Unter dem schicken Blech nutzt der Torcal die PPE-Architektur (Premium Platform Electric). Ein Doppelpack aus permanenterregten Synchronmaschinen stellt den Allradantrieb bereit. An der Hinterachse verbauen die Ingenieure ein adaptives Sperrdifferenzial mit je einer Lamellenkupplung pro Abtriebswelle, während vorn ein einfaches offenes Differenzial arbeitet. Dass Bentley elektrisch bleibt und den Luxus-Stromer von Volkswagen trotz schwankender Nachfrage pünktlich an den Start bringt, beweist Mut im oberen Preissegment.
Der Energiespeicher setzt auf ein 800-Volt-System mit 192 Pouch-Zellen und liefert eine Nettokapazität von 113 kWh. Nach WLTP-Norm reicht die Ladung für bis zu 600 Kilometer. An schnellen Ladesäulen zieht der Akku mit maximal 400 kW Gleichstrom. Der Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent verstreicht in schlanken 16 Minuten. Wenn die Zeit drückt, schaufelt der Schnelllader in bloß 7 Minuten genug Energie für 161 Kilometer Reichweite nach.
Zum Marktstart stehen zwei Varianten im Raum. Das Basismodell leistet bereits 604 kW (821 PS) sowie 1.194 Nm Drehmoment und drückt den dicken Koloss in 3,4 Sekunden auf Tempo 100. Schluss ist erst bei 250 km/h. Das Topmodell Torcal S entfesselt per Launch Control kurzzeitig 653 kW (888 PS) und 1.350 Nm. Damit fällt die Hunderter-Marke nach 2,9 Sekunden, der Vorwärtsdrang endet bei 260 km/h. Dass die Briten auf noch extremere Sprintwerte verzichten, ist eine ehrliche Absage an den Leistungswahn. Wer braucht in einer rollenden Luxus-Lounge Schläge in den Nacken, die den Gästen im Fond den Champagner aus dem Glas schütteln?
Schwebender Luxus statt harter Sportwagen-Abstimmung
Das Fahrwerk übernimmt zwar die Basis von Porsche Active Ride, wurde in England aber komplett neu abgestimmt. Luftfedern arbeiten mit Zweiventildämpfern zusammen, deren Zug- und Druckstufe getrennt regeln. Klassische Querstabilisatoren fliegen raus. Stattdessen übernimmt an jeder Achse eine eigene Motor-Pumpen-Einheit die aktive Wankstabilisierung. Schon die ersten Leaks zum Bentley Torcal mit 653 kW Systemleistung zeigten, dass Crewe beim Fahrverhalten keine müden Kompromisse eingehen will.
Die Techniker vergrößerten den Ölquerschnitt in den Dämpfern spürbar, um eine deutlich breitere Spreizung zwischen sanftem Dahingleiten und straffer Rückmeldung zu erzielen. Bentley-Chef Frank-Steffen Walliser bringt es trocken auf den Punkt: „Die Wahrheit liegt auf der Straße.“ Eine Allradlenkung mit bis zu 5 Grad Lenkwinkel an der Hinterachse drückt den Wendekreis auf kompakte 11,1 Meter. Für verlässliche Verzögerung sorgen optional Carbon-Silicon-Carbide-Bremsen mit mächtigen 440-Millimeter-Scheiben vorn und 410-Millimeter-Scheiben hinten. Während der Porsche Cayenne Electric bei teuren Optionen kräftig zur Kasse bittet, gehört das adaptive Differenzial bei Bentley ab Werk dazu.
Vier Fahrprogramme namens Bentley, Comfort, Sport und Refresh bündeln Antrieb, Dämpfung, Licht und Soundsystem. Im Comfort-Modus blendet die Elektronik alle unnötigen Anzeigen aus, um den Fahrer nicht zu nerven. Der Refresh-Modus dreht Frischluftzufuhr und Helligkeit auf, um müde Geister wachzuhalten. Elektrische Türen, ein Paket mit 25 Radar-, Kamera- und Sensorsystemen sowie ein lernfähiger Parkassistent mit automatischer Rückfahrfunktion in engen Gassen runden die Technik ab.
Wollstoff und echte V8-Klänge statt billiger Plastikwüste
Mit einer Länge von knapp 5,00 Metern fällt der Torcal etwa 12 Zentimeter kürzer aus als der bekannte Bentayga. Der um 3 Zentimeter verlängerte Radstand schafft dennoch reichlich Beinfreiheit im Fond. Optisch prägt aufrechte Eleganz die Karosserie mit langer Haube und kurzen Überhängen. Der beleuchtete Diamond-Grill lässt dreidimensionale Kristalle im Dunkeln schwebend wirken. An der Front sitzt das überarbeitete, schärfer gezeichnete Marken-Emblem, während schmale LED-Bänder das Heck betonen.
Im Innenraum wirft Crewe billige Kunststoffe konsequent über Bord. Statt Hartplastik dominieren edle Bezüge aus reiner Merino-Wolle sowie Furniere aus bis zu 1.000 Lagen nachhaltig beschafftem Walnuss-Holz und Recyclingpapier. Das Cockpit kombiniert ein geschwungenes OLED-Display mit AR-Head-up-Display, Gesichtserkennung und Smartphone-Schlüssel. Physische Tasten für wichtige Grundfunktionen bleiben glücklicherweise erhalten. Erstmals lässt sich die dreisitzige Rückbank im Fond elektrisch umklappen.
Absurd und clever zugleich wirkt die künstliche Soundkulisse namens Bentley Dynamic Symphony. Statt synthetischem Piepsen spielten echte Musiker Passagen auf Schlagzeug, Bratsche und Bassgitarre im Studio ein. Das System erzeugt einen Klang, der sich am Rhythmus des alten 6,8-Liter-V8-Triebwerks orientiert. Die Geräuschkulisse reagiert dynamisch auf Gasfuß und Tempo, lässt sich im Sport-Modus schärfen oder auf Wunsch komplett stummschalten. Eine überraschend durchdachte Lösung, um traditionelle Stammkunden ohne gekünsteltes Raumschiff-Wummern sanft an die lautlose Elektro-Ära zu gewöhnen.
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