Dreame: Der Elektroauto-Traum ist ausgeträumt

Ein Jahr. Mehr hat es nicht gedauert, bis aus Dreames großspurigen Elektroauto-Plänen ein Trümmerhaufen wurde. Der chinesische Saugroboter-Konzern zieht die komplette Auto-Sparte „Starry Sky“ ein, liquidiert die zugehörigen Firmen und lässt damit ein Kapitel enden, das von Anfang an mehr nach Bühnenshow als nach Autobau roch. Wer sich erinnert: Wir hatten schon beim Launch die Augenbraue hochgezogen, weil nie ein tatsächlich fahrendes Auto zu sehen war. Jetzt wissen wir, warum.
Die Zahlen hinter dem Zusammenbruch
Offiziell gestartet ist die Sparte im August 2025. Auf dem Höhepunkt beschäftigte Dreame Automotive laut China Economy fast 1.000 Mitarbeiter, eine beachtliche Hausnummer für eine Abteilung, die nie ein Serienfahrzeug produziert hat. Seit Mai läuft der Kahlschlag, mittlerweile sind nur noch wenige Dutzend Leute übrig, hauptsächlich aus Finanzen, Recht und Personal, die jetzt Lieferantenschulden abwickeln und die Firmen sauber auflösen müssen. Das ist kein Umbau, das ist eine Beerdigung.
Dabei war die Show bis zuletzt beeindruckend inszeniert. Im Januar 2026 stand ein Supersportwagen auf der CES in Las Vegas, im April 2026 folgte in San Francisco der große Auftritt des „Nebula Next 01 Jet Edition“, besser bekannt als „Rocket Car“. Zwei Bühnen, zwei Highlights, null echte Substanz, wie sich jetzt zeigt.
Ein Fahrgestell, das keins war
Schauen wir uns an, was da eigentlich versprochen wurde: 0 auf 100 km/h in 0,9 Sekunden, eine Feststoff-Batterie auf Sulfid-Basis mit über 450 Wh/kg Energiedichte, eine CLTC-Reichweite jenseits der 550 Kilometer und ein Antriebssystem mit bis zu 100 kN Schub. Das sind Werte, bei denen selbst Rimac oder Lucid ins Grübeln kommen müssten. Kein Wunder, dass genau diese Zahlen jetzt als Marketing-Fantasie entlarvt werden.
Laut ehemaligen Mitarbeitern, die gegenüber China Economy ausgepackt haben, hatte das auf der CES gezeigte Modell nicht mal ein echtes Fahrgestell, es wurde per Fernsteuerung bewegt. Das „Rocket Car“ selbst soll ein für mehrere Millionen Yuan eingekauftes Modell einer Shanghaier Modellbau-Firma gewesen sein, nachträglich mit Fahrwerk und Triebwerks-Attrappen aufgehübscht, rein für den Kamera-Effekt. Ob man diesen Aufwand betreibt, um Investoren zu blenden? Anders lässt sich das kaum erklären.
Erst kassieren, dann (nie) entwickeln
Der eigentliche Skandal steckt in der internen Logik. Statt erst zu entwickeln und dann zu finanzieren, mussten Mitarbeiter zunächst Investoren-Gelder einsammeln, bevor überhaupt Budget für Forschung und Entwicklung freigegeben wurde. Mit aufgeblasenen Jobtiteln und Spitzengehältern wurden gezielt Talente von etablierten Autobauern abgeworben, offenbar nicht um Autos zu bauen, sondern um Kapital anzulocken. Das ist kein Automobil-Startup, das ist ein Fundraising-Vehikel mit Blechkleid.
Hinzu kommt: Lokale Behörden in China haben laut den Berichten Ermittlungen eingeleitet, wie die Investitionsgelder tatsächlich verwendet wurden, und die freie Verfügbarkeit staatlicher Fördermittel eingeschränkt. Wenn selbst der Staat misstrauisch wird, ist der Drops meistens schon gelutscht.
Warum das kein Einzelfall in China ist, aber trotzdem auffällt
Zur Einordnung: Es gab durchaus Tech-Konzerne, die den Sprung ins Auto-Geschäft real geschafft haben. Xiaomi hat mit dem SU7 ein tatsächlich produziertes und ausgeliefertes Elektroauto auf die Straße gebracht, keine Attrappe, sondern ein reales Serienfahrzeug mit Zulassung. Auch Apple hat sein Auto-Projekt nach zehn Jahren Entwicklung 2024 offiziell beerdigt, allerdings ohne vorher gefälschte Prototypen auf Bühnen zu stellen. Dreame hingegen hat in einem einzigen Jahr die komplette Distanz von „wir bauen die Zukunft der Mobilität“ bis „Liquidation“ zurückgelegt, mit gekauften Modellbau-Autos als Beweisstück. Das ist selbst für die schnelllebige chinesische Tech-Szene ein bemerkenswertes Tempo.
Was jetzt von Dreame übrig bleibt
CEO Yu Hao, bekannt für seinen flachen Führungsstil, besinnt sich zurück aufs Kerngeschäft. Die meisten „Inkubatoren“ wurden gestrichen, übrig bleiben vier Bereiche: Staubsauger- und Wischroboter, Rasenmäher-Roboter, elektrische Zweiräder und die „Magic Atom“-Roboter. Keine Autos, keine Feststoff-Batterie, kein Werk in Deutschland. Namen wie Kosmera und Nebula könnt ihr getrost wieder vergessen, sie waren nie mehr als PowerPoint-Folien mit Reichweitenangaben.
Für Dreame-Kunden in Deutschland, die aktuell Saugroboter oder Rasenmäher-Roboter der Marke nutzen oder kaufen wollen, ändert sich operativ erstmal nichts, das Kerngeschäft läuft weiter und war nie das Problem. Relevant wird die Geschichte eher für Investoren, die explizit wegen der Auto-Fantasie eingestiegen sind, und für die generelle Glaubwürdigkeit chinesischer Tech-Konzerne, wenn sie mit Wunderwerten wie 450 Wh/kg um die Ecke kommen. Trotz des Debakels hält Dreame übrigens weiter an eigenen Börsenplänen fest, was angesichts der Vorgeschichte für ordentlich Diskussionsstoff bei potenziellen Zeichnern sorgen dürfte.
Wer nie ein fahrendes Auto zeigt, hat wahrscheinlich auch keins
Die Parallele zum Tesla Roadster, den Elon Musk seit neun Jahren ankündigt, drängt sich auf. Der Unterschied ist trotzdem gewaltig: Tesla baut und verkauft real existierende Autos, Dreame hatte laut allem, was jetzt bekannt wird, nie mehr als ein ferngesteuertes Modellbau-Fahrzeug und ambitionierte Folien zu bieten. Am Ende bleibt Dreame das, was der Konzern kann, kleine runde Geräte, die durchs Wohnzimmer fahren und dabei saugen und wischen. Ehrlich gesagt: völlig in Ordnung so.
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