BYD: Zwangsarbeits-Vorwürfe und Behördendruck im Ungarn-Werk

Die Berichte aus Ungarn bestätigen meine schlimmsten Befürchtungen bezüglich des chinesischen Expansionskurses: Wer glaubte, dass BYD europäische Standards freiwillig respektiert, wird jetzt unsanft wachgerüttelt. Auf der Baustelle im ungarischen Szeged ermitteln Aufsichtsbehörden wegen menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen und unbezahlter Überstunden. Gleichzeitig dreht die neue Regierung in Budapest den Spieß um und beendet den jahrelangen Kuschelkurs mit Peking.
Für den chinesischen Autogiganten entwickelt sich das erste europäische Pkw-Werk damit endgültig zum handfesten Debakel. Eigentlich sollte der Standort die Rettung vor den verhängten EU-Strafzöllen sein, doch die Realität holt den Konzern mit voller Wucht ein. Dass sich der Startschuss um ein ganzes Jahr verzögert und das Werks-Fiasko in Europa den Denza Z9 GT zu drastischen Sparmaßnahmen zwingt, war nur das erste Warnsignal. Hinter den Kulissen der Baustelle sieht es offenbar noch viel finsterer aus.
Bis zu 14 Stunden Schichten an sieben Tagen: China Labor Watch deckt Missstände auf
Die Vorwürfe wiegen schwer. Eine Untersuchung der Nichtregierungsorganisation China Labor Watch legt offen, unter welch brutalen Bedingungen chinesische Wanderarbeiter in Szeged schuften müssen. Die Rede ist von Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden täglich – und das an sieben Tagen pro Woche ohne Ruhepausen. Das ist keine bloße Arbeitszeitüberschreitung mehr, sondern schlicht ein Verstoß gegen elementare Arbeitnehmerrechte mitten in der Europäischen Union.
Laut den Befragungen von über 50 Arbeitern behielten Subunternehmer Löhne für bis zu drei Monate ein. Hinzu kommen horrende Vermittlungsgebühren, die Arbeiter in ein regelrechtes Schuldverhältnis zwingen und eine vorzeitige Abreise verhindern. Wer kontrolliert wurde, sollte die Kontrolleure gezielt anlügen. Solche Methoden erinnern an Baustellen im Nahen Osten, haben aber in einem EU-Mitgliedsstaat absolut nichts verloren.
Dass der Konzern die Zügel schleifen lässt, überrascht mich nicht. Bereits die haarsträubenden Zahlungsprobleme bei Händlern und Werksprojekten zeigten unmissverständlich, dass das extreme Wachstumstempo der chinesischen Hersteller an den realen Hürden vor Ort zerschellt. Wenn Expansion über Menschenrechte gestellt wird, muss die Politik unnachgiebig durchgreifen. Drei beteiligte Subunternehmen wurden von den Behörden bereits sanktioniert.
Politischer Klüngel und der abrupte Kurswechsel in Budapest
Lange Zeit konnte BYD auf politisches Wohlwollen zählen. Die frühere ungarische Regierung unter Viktor Orbán öffnete die Tore sperrangelweit, bewilligte undurchsichtige Fördergelder und winkte mehr als 10.000 chinesische Arbeitskräfte ins Land. Der Höhepunkt dieser unappetitlichen Liaison: Der frühere ungarische Außenminister Péter Szijjártó, der die Ansiedlung aushandelte, wechselte nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament direkt auf einen Führungsposten bei BYD. Ein Interessenskonflikt aus dem Lehrbuch, der nun von den Ermittlern unter die Lupe genommen wird.
Seit dem Machtwechsel weht jedoch ein völlig anderer Wind durch Budapest. Die neue Regierung unter Führung von Péter Magyar macht Schluss mit Sonderrechten und behördlichem Wegsehen. Intransparente Förderungen werden zerpflückt und Umwelt- sowie Arbeitsschutzauflagen rigoros durchgesetzt. Der Freifahrtschein für chinesische Konzerne existiert schlicht nicht mehr.
Der Druck beschränkt sich keineswegs nur auf Szeged. Beim chinesischen Batterie-Riesen CATL in Debrecen rückten Inspektoren an, nachdem bei neun Mitarbeitern erhöhte Nickelbelastungen und unzureichende Schutzkleidung festgestellt wurden. Dem Zulieferer Semcorp entzogen die Behörden im Juni sogar kurzzeitig die Betriebserlaubnis wegen Schwermetallbelastung im Grundwasser. Ungarn lässt sich nicht länger als rechtliche Grauzone für Pekings Industrieinteressen missbrauchen.
Das europäische Kartenhaus gerät ins Wanken
Die Folgen für BYDs ehrgeizigen Zeitplan sind fatal. Die Montagehalle sollte ursprünglich längst produzieren, nun peilt man Ende 2026 an – und selbst dieser Termin wackelt gewaltig. Doch ohne Fabrik in der EU greifen die Ausgleichszölle auf jeden einzelnen importierten Neuwagen gnadenlos. Jeder Monat Verzögerung verbrennt gigantische Summen und zwingt das Management zu teuren Notlösungen.
Der Plan, mit Niedrigpreisen und Modellen wie dem Dolphin Surf für 15.000 Euro die europäische Konkurrenz an die Wand zu spielen, funktioniert nur über eine heimische Produktion ohne Strafzölle. Stattdessen müssen die Chinesen ihre Flotten weiterhin per Schiff über die Meere karren. Und während die Modelloffensive mit Fahrzeugen wie dem BYD Atto 2 mit neuer Blade-Batterie vorbereitet wird, stockt das Rückgrat der gesamten Europa-Strategie an ungarischen Baugruben.
Günstige Autos dürfen nicht auf dem Rücken ausgebeuteter Arbeiter entstehen. Wenn BYD in Europa als ernstzunehmender Autobauer Fuß fassen will, müssen Rechtsstaatlichkeit und menschenwürdige Bedingungen gelten – ohne faule Tricks und ohne Ausbeutung. Der Lack ist ab, bevor das erste Serienfahrzeug vom ungarischen Band gerollt ist.
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