Cariad: Warum VW jetzt über den Ausstieg nachdenkt

VW ID. Cross Konzept
Quelle: Volkswagen AG
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Ein internes Gutachten stellt gerade infrage, wofür Cariad überhaupt noch gebraucht wird. Laut übereinstimmenden Berichten von WAZ und Manager Magazin vom Wochenende soll die Analyse nicht nur Kritik üben, sondern konkrete Ausstiegsszenarien für Volkswagen, Audi und Porsche durchrechnen. Das ist ein anderes Kaliber als die üblichen Cariad-Nörgeleien der letzten Jahre.

Fünf Jahre Cariad, ein Berg an Verlusten

Cariad wurde 2020 gegründet, mit dem Anspruch, dem Volkswagen-Konzern eine eigene Software-Plattform für alle Marken zu bauen – vom Golf bis zum Bentley, vom Infotainment bis zur Assistenzsoftware. Der Plan war ambitioniert: Ein Betriebssystem, ein Team, eine Architektur namens VW.OS beziehungsweise E³, quer durch den ganzen Konzern.

Was folgte, war eine der teuersten Fehlkonstruktionen der jüngeren Autoindustrie-Geschichte. Der Porsche Macan Elektro verspätete sich um Jahre, der Audi Q6 e-tron ebenso, und die Softwareverzögerungen kosteten laut Schätzungen aus der Branche Milliardenbeträge an entgangenen Verkäufen und Zusatzentwicklung. Cariad selbst soll laut mehreren Berichten seit der Gründung kumuliert einen zweistelligen Milliardenbetrag verbrannt haben, mit jährlichen Verlusten im Bereich von rund zwei Milliarden Euro. Zwischenzeitlich wechselten die Chefs im Halbjahrestakt, von Dirk Hilgenberg bis zuletzt Peter Bosch, der die Softwaretochter seit 2025 neu ausrichten soll.

Döllner als interner Bremser: Warum Audi nicht mehr mitspielen will

Der Name, der in den aktuellen Berichten immer wieder fällt, ist Gernot Döllner. Der Audi-Chef soll intern der treibende Kopf hinter der Kritik sein, und das aus nachvollziehbarem Eigeninteresse: Audi hat unter den Cariad-Verzögerungen besonders gelitten, mit dem Q6 e-tron als prominentestem Beispiel. Wenn ausgerechnet die Marke, die am meisten Schaden genommen hat, jetzt öffentlich den Ausstieg diskutieren lässt, ist das kein Zufall, sondern eine klare Ansage an die Konzernspitze um Oliver Blume.

Das Gutachten soll dabei nicht bei der Kritik stehen bleiben, sondern durchrechnen, was ein Rückzug aus Cariad für VW, Audi und Porsche konkret bedeuten würde. Wichtig zu verstehen: Es geht hier nicht um eine kleine Korrektur, sondern um die Grundsatzfrage, ob eine zentrale, konzerneigene Softwareeinheit für drei so unterschiedliche Marken überhaupt noch Sinn ergibt.

Der Rivian-Deal als Blaupause für die Zukunft

Dass VW an Cariad zweifelt, ist längst keine Neuigkeit mehr, sondern seit der Rivian-Partnerschaft aktenkundig. Der Deal wurde 2024 verkündet, mit einem Gesamtvolumen von bis zu 5,8 Milliarden US-Dollar für ein gemeinsames Joint Venture namens Rivian and Volkswagen Group Technology, das die künftige Elektrik-Elektronik-Architektur für den gesamten Konzern liefern soll. Nach allem, was aktuell durchsickert, dürfte diese Summe weiter steigen, weil sich Umfang und Zeitplan des Projekts mehrfach verschoben haben.

Erste Serienanwendung soll der ID.Every1 werden, VWs Elektro-Kleinwagen unterhalb des ID.2all, mit Marktstart 2027. Die bittere Pointe dabei: Auch in diesem Aushängeschild-Projekt bleibt Cariad-Software mit an Bord, weil sich die Softwarestacks in der Praxis nicht sauber trennen lassen. Ein kompletter Cariad-Ausstieg wäre also selbst im besten Fall kein Schnitt von heute auf morgen, sondern ein mehrjähriger Umbau mit erheblichem Restrisiko.

4.000 Jobs, eine neue KI-Einheit – und trotzdem am Pranger

Cariad beschäftigt aktuell noch rund 4.000 Menschen, nach mehreren Sparrunden und Stellenabbau in den vergangenen Jahren. Die Softwaretochter ist an der Rivian-Entwicklung beteiligt, verantwortet Fahrassistenzsysteme und hat erst vor Kurzem eine neue, zentrale KI-Einheit unter eigener Führung aufgebaut. Zu den aktuellen Berichten über das Gutachten wollte sich Cariad nicht äußern, was angesichts der Brisanz kaum überrascht.

Genau diese Konstellation macht die Lage kompliziert: Cariad ist einerseits so tief in laufende Projekte verwoben, dass ein sauberer Ausstieg technisch aufwendig wird. Andererseits liefert die Softwaretochter seit Jahren genug Gründe, warum genau dieser Ausstieg diskutiert wird.

Was das für VW, Audi und Porsche wirklich bedeutet

Volkswagen befindet sich mitten in einem harten Sparkurs, mit Stellenabbau, Werksschließungsdiskussionen und Milliardeneinsparungen im gesamten Konzern. Eine Software-Tochter, die seit Jahren Verluste produziert und jetzt sogar von den eigenen Kernmarken infrage gestellt wird, passt denkbar schlecht in dieses Bild. Gleichzeitig zeigt der Rivian-Deal, dass VW bereits mit den Füßen abgestimmt hat: Wenn die eigene Softwaretochter zentrale Zukunftsprojekte nicht liefert, kauft man sich externe Kompetenz eben teuer dazu.

Realistisch dürfte es nicht auf einen kompletten Cariad-Exit über Nacht hinauslaufen, sondern auf eine weitere Verkleinerung, eine klarere Aufgabenverteilung zwischen Konzern und externen Partnern wie Rivian, und möglicherweise einen Teilverkauf einzelner Bereiche. Die Deutungshoheit darüber, ob Cariad in zwei Jahren noch in der heutigen Form existiert, dürfte sich in den kommenden Aufsichtsratssitzungen entscheiden, nicht in Pressemitteilungen.

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