VW: Zwickau, Emden, Hannover – bald schon Geschichte?

Wer dachte, die Elektro-Krise bei Volkswagen hätte ihren Tiefpunkt schon erreicht, der wird jetzt eines Besseren belehrt. Was gerade aus Wolfsburg durchsickert, ist kein normales Sparprogramm mehr, sondern ein Kahlschlag mit Ansage. Und ja, diesmal trifft es nicht nur ein paar Werksstudenten-Stellen, sondern die deutsche Kernbelegschaft direkt ins Mark.
Die Zahlen, die den Ernst der Lage zeigen
Konzernchef Oliver Blume nennt die Lage „mehr als kritisch“ – und das aus dem Mund eines VW-Chefs ist schon eine Ansage für sich. Die operative Rendite liegt aktuell bei 3,8 Prozent, was in einem normalen Jahr solide wäre, aber laut Management eben nicht reicht, um Zukunftstechnologien zu stemmen. Trotz einer bereits erfolgten Kostensenkung von 20 Prozent an den deutschen Standorten im letzten Jahr reicht es vorne und hinten nicht.
Das Kernproblem bleibt simpel und schmerzhaft zugleich: Die Transformation zur Elektromobilität frisst Milliarden, während chinesische Hersteller schneller und günstiger produzieren. Wer glaubt, das sei nur ein Wettbewerbsproblem, der irrt – das ist für VW inzwischen eine Existenzfrage.
Der Sparplan: 50.000 Jobs und Milliarden weniger Investitionen
Laut Spiegel-Bericht plant der Vorstand bis 2030 weltweit 50.000 Jobs zusätzlich zu bereits vereinbarten Kürzungen zu streichen. Parallel dazu sollen die Investitionen zwischen 2027 und 2031 von 180 Milliarden Euro auf 135 Milliarden Euro zusammengestrichen werden. Das ist kein Nachjustieren, das ist eine komplette Neuausrichtung der Konzernstrategie.
Zur Einordnung: Schon im Juli war von 120.000 Stellen und der möglichen Schließung von vier Standorten die Rede. Die aktuellen Pläne wirken da fast wie eine Bestätigung des Worst-Case-Szenarios, nicht wie eine Entschärfung.
Diese Werke stehen auf der Kippe
Besonders bitter: Zwickau und Emden könnten 2031 dichtmachen, Hannover 2032. Bei Audi bleibt außer Ingolstadt nur Neckarsulm – und das auch nur bis 2034. Zwickau ausgerechnet zu schließen wäre ein Treppenwitz der Geschichte, schließlich war das der erste Standort, den VW komplett auf E-Auto-Produktion umgestellt hat. Wenn ausgerechnet das Vorzeige-E-Werk fällt, sendet das ein verheerendes Signal für den gesamten Wandel der Branche in Deutschland.
Emden und Hannover fertigen zudem wichtige Volumenmodelle – das sind keine Nischenwerke, die man mal eben opfern kann, ohne dass es massiv wehtut.
Gewerkschaft und Niedersachsen stellen sich quer
Die IG Metall lässt kein gutes Haar an den Renditezielen des Vorstands und nennt sie schlicht unrealistisch. Werksschließungen? Kategorisch abgelehnt. Und auch das Land Niedersachsen, immerhin mit 20 Prozent Stimmrechten am Tisch, dürfte bei einem Kahlschlag dieser Größenordnung kaum tatenlos zusehen – Stichwort Vetorecht im Aufsichtsrat.
Das bedeutet: Selbst wenn der Vorstand seinen Plan durchdrücken will, sitzen ihm mächtige Bremser im Nacken. Ob Blume das wirklich durchbekommt, steht in den Sternen.
Showdown: Neun Betriebsversammlungen in sieben Tagen
Ende August wird es ernst. Los geht’s im Stammwerk Wolfsburg und in Braunschweig, danach folgen Emden, Zwickau, Chemnitz, Dresden, Kassel, Salzgitter und zum Abschluss Hannover. Blume persönlich stellt sich in mehreren Werken den Fragen der Belegschaft – ein durchaus mutiger, aber auch notwendiger Schritt, wenn man Vertrauen zurückgewinnen will.
Sein Statement dazu klingt fast schon dramatisch: „Auf die nächsten Wochen kommt es an.“ Recht hat er – denn parallel muss er auch noch den Aufsichtsrat überzeugen, der im Juli bereits mit Widerstand reagiert hat. Zwei Fronten gleichzeitig, das wird kein Spaziergang.
Sparen ja, aber nicht auf Kosten der Substanz
Dass VW sparen muss, ist unbestritten – die Konkurrenz aus Asien schläft nicht und die E-Transformation kostet nun mal richtig Geld. Aber ganze Traditionswerke wie Zwickau oder Emden zu opfern, während man gleichzeitig von der Zukunft der Elektromobilität spricht, das passt einfach nicht zusammen. Hier prallen Bilanz-Logik und industriepolitische Verantwortung frontal aufeinander, und ich bin gespannt, wer am Ende gewinnt.
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