HONOR: Samsung-Look, ARRI-Deal und die KI-Ansage

Vier Jahre ist es her, dass HONOR als Huawei-Tochter unter dem US-Bann quasi über Nacht eigenständig werden musste. Jetzt steht der Hersteller da mit 25 Prozent Wachstum im ersten Quartal 2026, Platz 2 im globalen Foldable-Markt und einem neuen Logo, das – ich kann es nicht anders sagen – aussieht wie das Samsung-Browser-Icon nach einem Red-Bull. Der neue Slogan „Dare to be“ ist da fast schon ironisch passend. Mutig ist es allemal, sich optisch beim größten Konkurrenten zu bedienen und gleichzeitig dessen Ökosystem angreifen zu wollen.
Aber genau das ist der Plan. HONOR will nicht mehr der Hersteller sein, der gute Hardware zum fairen Preis liefert. Der Anspruch lautet jetzt: weltweit führendes, offenes KI-Geräte-Ökosystem. Nicht weniger.
Agentic OS: Mehr als ein Buzzword?
Hinter dem Marketing-Begriff steckt eine architektonische Verschiebung. Bisherige On-Device-KI – ob Apple Intelligence oder Samsung Galaxy AI – verarbeitet Befehle lokal und optional in der Cloud. HONORs Agentic OS soll einen Schritt weiter gehen: KI-Agenten agieren nicht mehr reaktiv auf Nutzerbefehle, sondern proaktiv über Geräte-, App- und Plattformgrenzen hinweg. Das Betriebssystem wird vom Befehlsempfänger zum Handlungsbevollmächtigten.
Klingt nach Science-Fiction, ist aber der logische nächste Schritt. Die Frage ist nicht ob, sondern wer es zuerst alltagstauglich macht. Und da sitzt HONOR zwischen zwei Fronten: Apple kontrolliert Hardware, OS und Cloud vertikal. Samsung hat mit Galaxy AI und Tizen ein halboffenes Netz. HONOR setzt auf „offen, kollaborativ, gemeinsam genutzt“ – was im Klartext heißt: Man braucht Partner, weil die eigene Cloud-Infrastruktur nicht auf AWS- oder Azure-Niveau mithält.
Ich bin echt gespannt, wie das in der Praxis aussieht. Ein offenes Ökosystem ist nur so stark wie seine Partner. Und die entscheiden sich nach Marktmacht, nicht nach Philosophie.
ARRI, AiMAGE und der Kino-Trick
Deutlich greifbarer wird die Strategie bei der Fotografie. AiMAGE ist HONORs kooperatives Rechensystem: Das Endgerät verarbeitet Echtzeit-Daten, die Cloud übernimmt schwere Rendering-Passes. Das Ergebnis soll Bildqualität liefern, die rein lokal nicht möglich wäre.
Der Coup dabei: Die Partnerschaft mit ARRI. Das ist nicht irgendein Kamera-Label. ARRI-Master-Primes und Alexa-Kameras stehen bei praktisch jeder großen Hollywood-Produktion am Set. Wenn HONOR hier Farbwissenschaft, Optik-Charakteristik und Dynamic-Range-Processing in ein Smartphone-System übersetzt, ist das kein Marketing-Gag. Das ist ein technischer Ritterschlag. Wer das Magic V3 oder Magic7 Pro in der Hand hatte, weiß: HONOR kann Kamera. Mit ARRI im Rücken wird das zum echten Differenzierungsmerkmal gegen Samsungs 200-Megapixel-Spec-Sheet.
Apropos Hardware-Experimente: Das „Robot Phone“ – ein Konzeptgerät, bei dem sich die Kamera mechanisch aus dem Gehäuse löst und autonom positioniert – ist eine neue Gerätekategorie. Ob das über eine CES-Demo hinauskommt? Der humanoide Roboter, der einen Halbmarathon lief, ist jedenfalls ein besserer PR-Stunt als jedes Keynote-Feuerwerk.
Die Zahlen hinter dem Ökosystem-Traum
Bei aller Buzzword-Dichte: Die Geschäftszahlen erden die Geschichte. Mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes kommt inzwischen aus dem Ausland. HONOR ist die einzige chinesische Marke mit positivem Wachstum in Q1 2026 – während der Gesamtmarkt stagniert. Im Foldable-Segment sitzt man fest auf Platz 2, hinter Samsung, aber mit Momentum.
Das ist keine Nischen-Story mehr. Wer 2021 prophezeit hätte, dass der ehemalige Huawei-Ableger vier Jahre später Samsungs Foldable-Dominanz ernsthaft bedroht und gleichzeitig ein KI-Ökosystem gegen Apple ausruft, wäre für verrückt erklärt worden.
Offenes Ökosystem gegen geschlossene Gärten
Der eigentliche Stresstest kommt jetzt. HONORs Alpha-Strategie und die AHI-Philosophie (Augmented Human Intelligence) sind auf dem Papier sauber durchdacht. Aber „offen“ bedeutet in der Tech-Industrie oft: „Wir haben noch kein eigenes geschlossenes System und nennen den Mangel eine Tugend.“
Der Unterschied zu Apple ist fundamental. Apple kontrolliert Chip, OS, Cloud, App Store und Hardware. Samsung hat mit Exynos, Tizen, Galaxy AI und One UI ein vertikal integriertes Halb-Ökosystem. HONOR hat starke Hardware, einen namhaften Kamera-Partner und eine wachsende Nutzerbasis – aber keine eigene Cloud auf Hyperscaler-Niveau, keinen eigenen App Store mit Milliarden-Ökonomie und kein eigenes Silizium auf TSMC-3nm-Basis.
Das muss kein Todesurteil sein. Android hat bewiesen, dass offene Systeme skalieren können. Aber Android hatte Google. Wer ist HONORs Google?
Substanz trifft Show
Das Rebranding ist der visuelle Schlusspunkt einer Entwicklung, die seit der Huawei-Abspaltung läuft. Die Technologie-Bausteine – Agentic OS, AiMAGE, ARRI, Foldables – sind real und teilweise branchenführend. Die Zahlen stimmen. Das Logo ist… Geschmackssache.
Was fehlt, ist der Beweis, dass „offenes KI-Ökosystem“ mehr ist als ein PowerPoint-Titel. Die nächsten 18 Monate entscheiden, ob HONOR vom starken Hardware-Hersteller zur echten Plattform wird. Ich drücke die Daumen – allein schon, weil ein dritter ernsthafter Ökosystem-Spieler neben Apple und Samsung dem Markt guttäte. Aber Daumendrücken reicht nicht. Liefern muss HONOR selbst.
Schmidtis Blog zu Deiner bevorzugten Quelle bei Google hinzufügen
Links mit einem * sind Partner-Links. Durch einen Klick darauf gelangt ihr direkt zum Anbieter. Solltet ihr euch dort für einen Kauf entscheiden, erhalte ich eine kleine Provision. Für euch ändert sich am Preis nichts. Danke für eure Unterstützung!
