Leapmotor B03X im 800-km-Test: 142 kW Ladepeak und Tacho 180 für unter 30.000 Euro

Elektroautos unter der 30.000-Euro-Marke gelten auf der Langstrecke oft als zähe Angelegenheit mit zermürbenden Ladezeiten. Wenn ein Hersteller dann ein vollwertiges Kompakt-SUV mit üppiger Serienausstattung für exakt 29.900 Euro in den Markt drückt, stellt sich sofort die Frage nach den versteckten Kompromissen. Ein detaillierter Härtetest über 759 Kilometer Autobahn zwischen Köln und Stuttgart zeigt nun bei herbstlichen 13 bis 17 Grad, was der Leapmotor B03X in der Praxis leistet – und an welchen Stellen er die offiziellen Werksangaben überraschend alt aussehen lässt.
Die wichtigsten Messdaten im Schnell-Check
- Modell & Preis: Leapmotor B03X (Ausstattung Design) für 29.900 Euro
- Antrieb & Leistung: Frontantrieb, 145 kW (177 PS), 200 Nm Drehmoment
- Akku & Reichweite: 53 kWh LFP-Batterie, 383 km WLTP | Test-Reichweite Autobahn: knapp 300 km
- Verbrauch (759 km Gesamttest): 16,2 kWh/100 km (Stadt: 11,1 kWh | Autobahn: 15,3–16,8 kWh)
- Ladeleistung DC: 130–135 kW Peak (Werk) | 142 kW Peak gemessen (10–80 % in 27,5 Minuten)
- Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h (Werk) | 180 km/h laut Tacho im Test
- Kofferraum & Variabilität: 407 bis über 1.300 Liter + hochklappbare Kinositze im Fond
- Schlüsselschwächen: 0 kg Anhängelast und Stützlast, kein Frunk, Zwang zur NFC-Karte auf der Mittelkonsole
Stellantis-Rückhalt bricht die typische China-Skepsis
Wer heute ein Elektroauto einer neuen Marke kauft, hadert meist mit derselben Ungewissheit: Was passiert im Schadensfall und wo ist die nächste Werkstatt? Leapmotor hebelt dieses Argument über eine handfeste Kooperation aus. Durch das Joint Venture mit Stellantis läuft der Vertrieb hierzulande über etablierte Händlernetze.
Wartung, Inspektionen und Garantieabwicklungen erfolgen regulär über bekannte Niederlassungen von Marken wie Opel, Peugeot, Citroën oder Fiat. Damit verliert der B03X seinen Exotenstatus, bevor er überhaupt auf den Hof rollt. Für ein 4,27 Meter langes, 1,81 Meter breites und 1,63 Meter hohes SUV mit 2,60 Metern Radstand ist der Einstandspreis von 29.900 Euro ein spürbarer Angriff auf Konkurrenten wie den MG4 oder den deutlich teureren VW ID.3.
Reale 300 km Autobahnreichweite und Tacho-Freigabe bis 180 km/h
Auf der Piste trat der B03X mit Frontantrieb und dem 53-kWh-LFP-Akku an. Bei Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn pendelte sich der Stromkonsum über die gesamte Distanz bei 16,2 kWh auf 100 Kilometer ein. Selbst auf bergigen Teilstücken stieg der Verbrauch nicht über 16,8 kWh, während im reinen Kölner Stadtverkehr bemerkenswert genügsame 11,1 kWh auf dem Display standen.
In der Praxis bedeutet das: Echte 300 Kilometer Reichweite am Stück sind auf der Autobahn ohne Reichweitenangst machbar, im gemischten Pendelverkehr klettert der Aktionsradius auf 330 bis 350 Kilometer.
Auf freigegebener Strecke leistete sich das SUV zudem eine kuriose Eigenheit: Während die Pressemappe die Höchstgeschwindigkeit strikt auf 160 km/h begrenzt, zog der Testwagen im regulären Fahrmodus ohne Murren bis auf Tacho 180 km/h durch. Das Fahrwerk mit klassischen Stahlfedern ist betont komfortabel ausgelegt und schluckt lange Bodenwellen souverän weg. In schnellen Autobahnkurven wankt die Karosserie jedoch merklich und den perforierten Kunstledersitzen fehlt es an spürbarem Seitenhalt.
Lade-Überraschung am Schnelllader: Schneller als das Datenblatt
Beim Schnellladen an 300-kW-Hyperchargern von EnBW und Ionity zeigte das Batteriemanagement eine ungewöhnlich starke Vorstellung. Statt der vom Hersteller genannten 130 bis 135 kW Peak-Leistung kletterte die Ladekurve ab 10 Prozent Füllstand direkt auf 137 kW und erreichte an einer Ionity-Säule kurzzeitig sogar 142 kW.
- 10 auf 80 Prozent: Der klassische Ladehub war nach exakt 27,5 Minuten erledigt.
- Zwischenladung: Bei einem kurzen Kaffeestopp pumpte der Akku in nur 18 Minuten von 37 auf 85 Prozent.
- Plateau: Selbst bei einem Akkustand von 84 Prozent flossen noch solide 41 kW durch das Kabel.
Da die Ladeklappe vorne links platziert ist, müssen Fahrer an vielen Schnellladesäulen zwar vorwärts einparken, die Standzeiten auf der Langstrecke bleiben im Alltag aber absolut überschaubar.
Cleveres Raumkonzept trifft auf nervige Software-Macken
Der Innenraum punktet mit einer durchdachten Lösung, die man sonst fast nur von Honda kennt: Die Sitzflächen im Fond lassen sich wie Kinosessel nach oben klappen. Dadurch entsteht hinter den Vordersitzen ein hoher, durchgehender Stauraum, in dem sich Pflanzen, Kartons oder sogar kompakte Fahrräder aufrecht transportieren lassen. Zusammen mit dem 407 bis 1.300 Liter großen Kofferraum bietet der B03X erstaunlich viel Nutzwert.
Trotz serienmäßiger Wärmepumpe, 360-Grad-Kamera und kabellosem Apple CarPlay sowie Android Auto leistet sich der Wagen im Alltag einige handfeste Ärgernisse:
- Keine Anhängelast & Stützlast: Ein Heck-Fahrradträger auf einer Kupplung ist unmöglich. Erlaubt sind lediglich 75 kg Dachlast.
- Kein Frunk: Unter der vorderen Haube gibt es keinen Stauraum; feuchte Typ-2-Kabel müssen direkt in den Kofferraum wandern.
- Zickige Klimatisierung: Die Automatik arbeitet mit spürbarem Temperatur-Versatz. Wer 22 Grad im Innenraum will, muss 24 Grad einstellen. Zudem agiert das Gebläse bereits auf Stufe 1 viel zu laut und stürmisch.
- Umständliche Zündung per NFC: Ein klassischer Funkschlüssel fehlt ab Werk. Neben dem Smartphone gibt es primär eine Schlüsselkarte, die zum Starten zwingend auf die Mittelkonsole gelegt werden muss.
- Distanzregelung: Der adaptive Abstandstempomat (ACC) hält selbst auf der kleinsten Distanzstufe 1 einen viel zu großen Abstand zum Vordermann, was auf deutschen Autobahnen ständig zu Lückenreißern führt.
Immerhin: Die vorgeschriebenen EU-Warntöne für Tempo und Spur lassen sich über eine frei belegbare Taste am Lenkrad mit einem einzigen Klick nach Fahrtantritt stummschalten.
Für wen lohnt sich der Leapmotor B03X?
Für 29.900 Euro liefert Leapmotor eine der stärksten Preis-Leistungs-Vorstellungen im aktuellen Kompakt-Segment ab. Die Kombination aus echten 300 Kilometern Autobahnreichweite, einer Ladezeit von unter einer halben Stunde und dem dichten Stellantis-Servicenetz nimmt der Konkurrenz ordentlich Wind aus den Segeln.
Wer keine Anhängerkupplung für schwere E-Bikes benötigt und mit den chinesischen Software-Eigenheiten bei Lüftung und Schließsystem leben kann, findet hier ein bemerkenswert reisetaugliches Familien-SUV zum Kampfpreis.
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