Mercedes EQS: Technik top, S-Klasse bleibt außer Reichweite

Der Mercedes EQS ist technisch zurück im Spiel. 800 Volt, bis zu 926 Kilometer WLTP-Reichweite, 350 kW Ladeleistung und optional Steer-by-Wire: Das liest sich inzwischen nicht mehr nach alter Elektro-Oberklasse, sondern nach einem ziemlich modernen Langstrecken-Auto. Nur löst Mercedes damit ausgerechnet das Problem nicht, an dem der EQS bisher gescheitert ist.
Denn der EQS sollte von Anfang an die elektrische S-Klasse sein. Genau das hat nicht funktioniert. AUTO BILD beschreibt den Anspruch inzwischen als gescheitert und verweist auf die bislang schwache Nachfrage.
Der EQS lädt jetzt endlich zeitgemäß
Der wichtigste technische Schritt steckt unter dem Blech: Mercedes hat den EQS von 400 auf 800 Volt umgestellt. Der EQS 450+ nutzt dabei eine Batterie mit 122 kWh nutzbarem Energieinhalt und kommt laut Mercedes auf bis zu 926 Kilometer WLTP. Dazu kommen bis zu 350 kW DC-Ladeleistung.
Das ist im Alltag wesentlich wichtiger als irgendeine neue Displaygrafik. Mercedes gibt für zehn Minuten Schnellladen bis zu 320 Kilometer WLTP-Reichweite an. Beim EQS 450+ nennt der Hersteller 260 bis 325 Kilometer, abhängig von den jeweiligen Bedingungen und der Konfiguration.
Damit verschiebt sich die größte Schwäche des alten EQS tatsächlich. Wer lange Strecken fährt, bekommt nun eine Kombination aus großer Reichweite und deutlich höherer Ladeleistung. Genau so sollte ein fünf Meter langer elektrischer Reisewagen im Jahr 2026 unterwegs sein.
350 kW sind schön – der Preis bleibt saftig
Interessant ist deshalb nicht der EQS 580, sondern der EQS 450+. 300 kW beziehungsweise 408 PS reichen bei einer solchen Limousine völlig aus, gleichzeitig bleibt der Wagen beim Hinterradantrieb und erreicht die maximale Reichweite der Baureihe. Mercedes gibt für ihn 5,9 Sekunden auf 100 km/h und 210 km/h Spitze an.
Preislich ist das allerdings kein Schnäppchen. AUTO BILD führt den EQS 450+ aktuell mit einem Listenpreis von 108.635 Euro. Der neue EQS 400 startet bei 94.403 Euro und bringt 270 kW, 112 kWh nutzbare Batteriekapazität und bis zu 817 Kilometer WLTP-Reichweite mit.
Das ist der Punkt, an dem Mercedes den EQS tatsächlich neu sortiert hat. Der technische Abstand zur S-Klasse ist plötzlich weniger eindeutig, der Preisabstand dafür umso interessanter: AUTO BILD nennt für die aktuelle S-Klasse einen Einstiegspreis von 109.221 Euro.
Steer-by-Wire ist mehr als ein Brezel-Lenkrad
Und dann wäre da noch das Lenkrad. Für rund 2.500 Euro ist beim EQS die neue Steer-by-Wire-Lenkung erhältlich; AUTO BILD hat das System bereits gefahren und berichtet von einer kurzen Eingewöhnung, danach aber einem zunehmend natürlichen Lenkgefühl.
Technisch ist das durchaus interessant. Zwischen Lenkrad und Vorderrädern gibt es keine klassische mechanische Verbindung mehr. Sensoren, Steuergeräte und Stellglieder übertragen den Lenkwunsch elektronisch. Mercedes kombiniert das System mit einer Hinterachslenkung um bis zu zehn Grad und setzt auf eine redundante Architektur.
Für den Alltag heißt das vor allem: weniger Lenkarbeit beim Rangieren und eine variable Lenkübersetzung. Bei niedrigen Geschwindigkeiten kann der EQS große Lenkwinkel mit vergleichsweise wenig Lenkradbewegung umsetzen; bei höherem Tempo soll die Lenkung mehr Stabilität liefern. Das ist sinnvoller als der erste Blick auf das ungewöhnliche Lenkraddesign vermuten lässt.
Und trotzdem ist der EQS keine S-Klasse
Genau hier liegt der Haken. Der EQS hat inzwischen die bessere Elektro-Technik, aber technische Überlegenheit macht noch keine S-Klasse.
Das zeigt auch der aktuelle Fahrbericht von AUTO BILD: Der EQS fährt komfortabel und bietet mit seiner neuen Technik klare Vorteile, bleibt bei dem eigentlichen Luxusanspruch aber hinter der S-Klasse zurück. Besonders der Fond gilt weiterhin nicht als gleichwertig.
Das ist für Mercedes unangenehm, weil genau dort die ursprüngliche Idee des EQS zerbröselt ist. Wer einen Luxuswagen kauft, kauft schließlich nicht nur Ladeleistung und Reichweite. Der Auftritt, der Fond, die Materialanmutung und das Gefühl, in einer ganz anderen Liga zu sitzen, gehören ebenfalls zum Produkt.
Mercedes versucht deshalb, die Lücke auch beim EQS zu verkleinern. Die aktuellen technischen Updates sind gewaltig, die Positionierung ist mit dem günstigeren EQS 400 zudem nachvollziehbarer geworden. Aber aus dem elektrischen Langstrecken-Spezialisten wird dadurch noch kein elektrischer Ersatz für die S-Klasse.
Der zweite Anlauf ist deutlich besser – aber nicht genug
Ich würde den neuen EQS deshalb anders bewerten als das ursprüngliche Auto. Das Technikproblem hat Mercedes ziemlich überzeugend gelöst. 800 Volt, 122 kWh, bis zu 926 Kilometer und 350 kW sind für eine große Luxuslimousine eine Ansage.
Das eigentliche Problem sitzt aber nicht im Akku. Es sitzt in der Positionierung. Der EQS muss heute gar nicht mehr versuchen, eine S-Klasse mit Stecker zu sein. Er ist als luxuriöser Elektro-Cruiser mit enormer Reichweite und moderner Technik wahrscheinlich sogar besser aufgehoben.
Und genau deshalb ist das Urteil ziemlich simpel: Der neue EQS ist endlich ein überzeugendes Elektroauto. Nur die S-Klasse ist er immer noch nicht.
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