Tesla: 10 Millionen E-Autos – Rekord oder Pyrrhussieg?

Tesla Model Y Standard
Quelle: Tesla, Inc.
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Fremont, 30. Juli 2026. Zehn Millionen. Tesla postet ein Video, fertig. Sechs Jahre hat es gedauert, von der ersten Million auf die zehnte zu kommen, und ich muss kurz schlucken, wenn ich das vergleiche: Toyota – Toyota! – hat für dieselbe Marke 36,5 Jahre gebraucht. Gegründet 1937, die zehn Millionen voll im Januar 1972 (via global.toyota). Und der gesamte VW-Konzern, mit seinen zwölf Marken und hundert Jahren Geschichte, steht bis heute bei 4 Millionen reinen BEVs (via VW Group). Tesla allein: zehn.

Ich schreibe seit 2019 über diesen Laden. Ich war in Grünheide, als die ersten Model Y vom Band rollten. Ich habe die Quartalszahlen durchgekaut, die Produktionshöllen, die Twitter-Rants. Und trotzdem hat mich diese Zahl kurz aus dem Tritt gebracht. Nicht wegen der Größe. Sondern wegen der Geschwindigkeit.

Und dann schaue ich mir an, was Tesla gleichzeitig macht, und das Gefühl kippt. Model S? Tot. Model X? Tot. Oberklasse? Gestrichen. Die Zukunft gehört einem Zweisitzer ohne Lenkrad, den noch keine Behörde auf die Straße gelassen hat. Dieser Konzern feiert seinen größten Produktionsrekord und reißt sich im selben Atemzug das eigene Fundament unter den Füßen weg.

Alle sieben Monate eine Million – das gab’s noch nie

April 2024: sechs Millionen. Oktober 2024: sieben. Juni 2025: acht, ein Model Y, gebaut in Grünheide, keine dreißig Kilometer von meiner Haustür entfernt. Dezember 2025: neun, Shanghai. Juli 2026: zehn, Fremont. Alle sieben Monate eine neue Million. Das ist kein Wachstum mehr, das ist eine Verdichtung.

Shanghai ist dabei der eigentliche Motor, und das sage ich nicht zum ersten Mal. Allein im Februar 2026 hat die Gigafactory dort 58.600 Einheiten rausgehauen, plus 91 Prozent zum Vorjahr (via TradingKey). Fremont und Grünheide machen ihren Job, keine Frage. Aber ohne China wäre die Zehn erst irgendwann 2027 fällig gewesen. Das sollte man bei der Jubelmeldung nicht vergessen.

Model S und X: Einfach. Weg.

Im Mai 2026 hat Tesla Model S und Model X eingestellt. Nicht „pausiert“. Nicht „in eine neue Generation überführt“. Eingestellt. Kein Facelift, kein Nachfolger, keine vage Roadmap-Skizze auf einer Investor-Folie. Die Begründung: Man wolle sich auf autonomes Fahren, KI und Robotik konzentrieren.

Ich habe im März das Model Y Juniper vierhundert Kilometer über brandenburgische Landstraßen und die A9 geprügelt. Gutes Auto. Wirklich. Die Verarbeitung sitzt endlich, das Fahrwerk ist erwachsen geworden, der Verbrauch passt. Aber es ist keine S-Klasse. Es ist kein i7. Und wer sich 2023 für 92.000 Euro ein Model S Plaid in die Garage gestellt hat, der steht jetzt da und schaut in die Röhre. BMW und Mercedes werden sich bedanken. Die Margen in der Oberklasse sind saftig, und Tesla gibt sie kampflos auf – für ein Robotaxi, dem die NHTSA noch nicht mal die Betriebserlaubnis erteilt hat.

Ich finde das waghalsig. Und ich meine das nicht als Kompliment.

Die Q2-Zahlen: Ja, es läuft wieder. Aber.

480.126 Auslieferungen im zweiten Quartal. Plus 25 Prozent. In Europa, nach dem 38-Prozent-Absturz 2025, zeigen die ACEA-Daten für die ersten fünf Monate ein Plus von 77 Prozent (via ACEA). Das ist keine kleine Delle, die sich auswächst. Das ist eine echte Trendwende, und wer das kleinredet, hat die Kurve nicht gesehen.

Das erneuerte Model Y ist endlich flächendeckend lieferbar, der Produktionsstau vom Jahresanfang ist aufgelöst. Und ja, auch das muss man sagen: Musks politische Ausfälle scheinen in Europa an Wirkung zu verlieren. Ob die Leute sich dran gewöhnt haben oder ob es ihnen schlicht egal ist, solange das Auto stimmt – geschenkt. Für die Bilanz zählt das Ergebnis.

Aber. Und das ist ein großes Aber. Teslas eigenes Ziel, 20 Millionen Fahrzeuge pro Jahr bis 2030 (via Tesla Oracle), ist bei einer Jahresrate von aktuell 1,92 Millionen so weit entfernt wie der Mars. Selbst bei 25 Prozent Wachstum jährlich – was sportlich ist – landet man 2030 bei knapp 4,7 Millionen. Nicht bei 20. Nicht mal annähernd.

Zwei Modelle gegen BYDs 15: Kann das gutgehen?

Neben Model 3 und Model Y baut Tesla noch den Cybertruck, den hierzulande niemand fahren darf, den Semi, den nur amerikanische Speditionen bestellen können, und das Cybercab. Letzteres ist das strategische Herzstück: kein Lenkrad, keine Pedale, reine Robotaxi-Plattform. Wäre da nicht die Sache mit der Zulassung.

Und dann schaut man nach Shenzhen. BYD hat über 15 Modelle im Programm. Vom 12.000-Euro-Stadtflitzer bis zur Limousine jenseits der 100.000. Die Chinesen decken jedes Segment ab, jeden Preis, jeden Markt. Tesla setzt dagegen auf zwei Volumenmodelle und eine Wette. Das kann genial sein. Apple macht das seit zwanzig Jahren vor. Aber Apple hat auch kein Robotaxi-Problem.

Was heißt das jetzt konkret, wenn ich mir einen Tesla kaufen will?

Ganz praktisch: Wer heute ein Model Y oder Model 3 bestellt, bekommt ein solides Auto mit stabiler Lieferkette und – endlich – vernünftigen Wartezeiten. Wer Oberklasse will, schaut in die Röhre. BMW, Mercedes, Porsche – da führt kein Weg dran vorbei.

Die spannende Frage ist nicht, ob das Model Y ein gutes Auto ist. Ist es. Die Frage ist, ob Tesla in drei Jahren noch ein Autobauer ist, wie wir den Begriff verstehen. Oder ob die 20-Millionen-Marke nicht mehr in einer Fabrik fällt, sondern in einer Flotte fahrerloser Zweisitzer, die durch Phoenix, Arizona, summen. Ich weiß es nicht. Und ich glaube, bei Tesla weiß es auch niemand.

Meine Rechnung: Wann ist die 20 voll?

Ich habe mich hingesetzt und durchgerechnet. Q2-Rate: 480.126 pro Quartal. Annualisiert: 1,92 Millionen. Konservativ 20 Prozent Wachstum pro Jahr angenommen – kein Musk-Versprechen, sondern eine Zahl, die ich verantworten kann:

2027: rund 2,3 Millionen 2028: rund 2,8 Millionen 2029: rund 3,3 Millionen 2030: rund 4,0 Millionen Mitte 2031: kumuliert 20 Millionen

Fünf Jahre für die zweiten zehn. Toyota brauchte 36,5 für die ersten. Das ist, bei aller Kritik, eine Zahl, vor der ich den Hut ziehe. Aber sie ist auch meilenweit entfernt von dem, was Musk 2022 auf dem Battery Day versprochen hat. Und Versprechen, die nicht eingelöst werden, sind in dieser Branche keine Kleinigkeit.

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