Tesla: Warum die neuen FSD-Sicherheitszahlen täuschen

Tesla Model Y Standard
Quelle: Tesla, Inc.
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Tesla dreht vor den anstehenden politischen Weichenstellungen der EU-Kommission gewaltig an der PR-Schraube. Der US-Autobauer untermauert die schrittweise Einführung von Full Self-Driving (Supervised) in fünf europäischen Pionier-Märkten – darunter Dänemark, Belgien und die Niederlande – mit frischem Datenmaterial. Auf insgesamt 65 Millionen Kilometern soll das SAE Level 2 System im Schnitt 5,2-mal sicherer unterwegs gewesen sein als ein menschlicher Fahrer.

Wen überrascht es? Wer das System wie ich schon im Testbetrieb gefahren ist, merkt schnell: Die Zahl klingt spektakulär, ist aber kalkuliertes Marketing. Tesla vergleicht hier Äpfel mit Birnen, um Zulassungsbehörden und Bedenkenträger in Berlin und Paris gezielt unter Druck zu setzen.

Der Autobahn-Trick in den Daten

Schaut man genauer in die Statistik, bröckelt das Narrativ gewaltig. Auf strukturierten Autobahnen absolvierte FSD 41,9 Millionen Kilometer ohne eine einzige registrierte Kollision – laut Tesla entspricht das 8,5x mehr Sicherheit. Sobald das System jedoch auf Landstraßen und in Innenstädten gefordert wird, schrumpft dieser Vorsprung auf einen Faktor von lediglich 2,8x zusammen (6 Kollisionen auf 23,8 Millionen Kilometer).

Hinter dem frischen Zahlenwerk steckt klassische Statistik-Kosmetik. Autobahnen sind baulich getrennt und bilden selbst für menschliche Lenker den mit Abstand unfallärmsten Teil des Straßennetzes. Dass ein kamerabasiertes System hier sauber die Spur hält, ist wahrlich kein Meisterstück. Die eigentliche Bewährungsprobe – eng beparkte Straßen, uneinsehbare Kreisverkehre und unberechenbare Radfahrer in europäischen Städten – legt die Schwachstellen von Tesla Vision offen. Einziges Trostpflaster im Alltag: 13,4-mal weniger Notbremsungen, was das Ruckeln spürbar reduziert.

Was die RDW-Zulassung für HW3-Fahrer bedeutet

Gefahren wurden all diese Testkilometer ausschließlich mit Fahrzeugen auf Hardware 4 (HW4 / AI4). Die aktuelle Freigabe stützt sich auf eine vorübergehende Ausnahmegenehmigung der niederländischen Behörde RDW auf Basis der UN Regulation 171 (DCAS) im Rahmen von Artikel 39 der EU-Typgenehmigung.

Apropos Altbestände: Wer ein Model 3 oder Model Y mit Hardware 3 (HW3) in der Garage stehen hat, blickt in Europa weiterhin in die Röhre. Während Tesla in den USA an einer abgespeckten v14 Lite schraubt, fehlt für den europäischen Markt schlichtweg jede Perspektive oder ein konkretes Releasedatum. Da bin ich echt gespannt, wie Elon Musk enttäuschten Bestandskunden erklären will, dass ihre Autos für die europäische Autopilot-Zukunft womöglich schlicht die nötige Rechenleistung vermissen lassen.

Europa blockt: Der political Widerstand wächst

Obwohl kleinere EU-Staaten das niederländische RDW-Zertifikat im Eilverfahren anerkennen, bleibt die Skepsis in den großen Märkten enorm. Deutschland, Frankreich und Italien lehnen nationale Alleingänge ab und pochen auf das globale UNECE-Regelwerk. Frankreich hat FSD (Supervised) aufgrund ungeklärter Sicherheitsfragen kürzlich sogar komplett gestoppt.

In den kommenden Monaten entscheidet sich, ob Teslas reine Kamera-Philosophie ohne Radar und Lidar den strengen EU-Auflagen für Fahrerüberwachung und Unfalldatenspeicher (DSSAD) standhält. Die vorgelegten 65 Millionen Kilometer machen sich gut auf X – in den Verhandlungsräumen der europäischen Behörden zählen jedoch keine geschönten Querschnitte, sondern der lückenlose Beweis im unbarmherzigen Stadtverkehr.

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4 Kommentare

  1. Ich wünsche mir mehr Gelassenheit von allen Seiten. Manchmal habe ich das Gefühl, die Frage, FSD entscheide über das Schicksal der Menschheit. Von Tesla würde ich mir wünschen, die schon jetzt vorhandenen Assistenten auf ein sichereres (zeitgemäßes) Level zu heben und einen nicht – zumindest fühlt sich das so an – in ein 99-Euro-Abo drängen zu wollen.

  2. Mal ehrlich: Wie kann man so einen eklatanten Denkfehler in der Statistik eigentlich komplett übersehen?

    Hier wird gefeiert, dass ein Level 2 (Supervised) System angeblich 2,8-mal „sicherer“ fährt. Nur vergisst man dabei das Entscheidende: Bei Level 2 übernimmt immer der Mensch die Verantwortung und das Lenkrad, wenn das System Fehler macht oder an seine Grenzen stößt.

    Wenn die Kamera-Vision im dicht beparkten Stadtverkehr versagt und der Aufpasser auf dem Fahrersitz in letzter Sekunde den Unfall verhindert, verbucht Tesla das in seiner PR-Statistik stolz als „unfallfreien Kilometer von FSD“. Das ist doch reine Augenauswischerei! Nicht das System verhindert hier die Kollisionen, sondern das menschliche Sicherheitsnetz.

    Wer das als „faktenbasierten Fortschritt“ verkauft oder sachliche Datenkritik sofort als „Tesla-Abneigung“ abstempelt, hat entweder das Prinzip von Level 2 nicht verstanden oder blendet die Realität bewusst aus. Es hat schon seinen Grund, warum unabhängige Zulassungsbehörden auf echte Belege im Stadtverkehr pochen, anstatt Tesla solche Marketing-Märchen abzukaufen.

  3. Jedes System, das besser als der Mensch fährt (und sei es auch nur um den Faktor 2,8) bedeutet weniger Unfälle und ein Fortschritt für die Verkehrssicherheit. Dieser Gedanke ist auch Grundlage des neuen UN-Regelwerks.
    Ich verstehe zudem die negative Konnotation des Artikels nicht. Es handelt sich „nur“ um ein Level 2+ System. Der Fahrer trägt wie beim manuellen Fahren die volle Verantwortung. Die Verantwortung endet aber knapp 3 Mal weniger in einem Unfall.
    Wir sollten in Deutschland faktenbasierten Fortschritt auch einfach mal anerkennen, unabhängig davon wer ihn erzielt.

  4. Ich weiß, dass dieser Kommentar nicht veröffentlicht wird. Ich hoffe aber, du liest ihn. Deine Tesla Abneigung ist bekannt, ist auch ok. Aber warum sind 2,8 mal sicherer schlechter als nichts? Wirklich schade, dass in Deutschland genau solche emotionalen Situationen über alles entscheiden.

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