Mercedes-Benz: KI-Zukauf bei Wayve nach Level-3-Pause

Der neue Software-Deal von Mercedes-Benz hinterlässt bei mir verdammt gemischte Gefühle. Die Stuttgarter schließen eine verbindliche Serienvereinbarung mit dem Londoner KI-Start-up Wayve, um deren Fahrsoftware Wayve AI Driver in Serienfahrzeuge zu bringen. Statt die eigene Software-Zukunft allein zu stemmen, kauft der Konzern nun extern ein, was jahrelang als eigene Kernkompetenz gepredigt wurde: eine KI-gestützte Punkt-zu-Punkt-Fahrassistenz für Stadt- und Autobahnfahrten.
Fremde KI übernimmt das Ruder im Cockpit
Die Integration der britischen Software soll innerhalb der nächsten zwei Jahre erfolgen, wobei Mercedes bisher konkrete Baureihen oder Zielmärkte verschweigt. Fest steht lediglich die technische Basis: Der Wayve AI Driver soll auf der bereits verbauten Mercedes-Hardware laufen und direkt in das hauseigene Betriebssystem MB.OS eingebunden werden. Wie eng MB.OS mit moderner Chip-Architektur verzahnt wird, zeigt bereits das MB.OS auf Nvidia-Basis im neuen Mercedes GLA, wo hohe Rechenleistungen gefordert sind. Technikvorstand Jörg Burzer feiert den Deal auf LinkedIn bereits als weltweit erste Integration des Wayve-Systems im Premiumsegment.
Der technische Ansatz von Wayve unterscheidet sich grundlegend von bisherigen Stuttgarter Systemen. Die Briten setzen primär auf Kameras und Hochleistungsrechner statt auf kostspielige LiDAR-Sensoren. Das senkt die Produktionskosten erheblich, schränkt aber die Autonomie ein. Das System arbeitet als klassisches Level 2-System. Die fahrende Person bleibt zu jedem Zeitpunkt in der Pflicht und muss das Geschehen überwachen. Damit nähert sich Mercedes dem Ansatz von Tesla an, wo ebenfalls auf teure Zusatzsensorik verzichtet wird – ein Weg, bei dem Behörden bei reinen Kamerasystemen in Europa extrem genau hinsehen.
Das Dreigestirn der Stuttgarter Software-Wetten
Mit der neuen Partnerschaft fächert Mercedes-Benz seine Software-Strategie in drei parallele Stränge auf. Neben dem hauseigenen, regelbasierten Drive Pilot für echtes Level 3 im zähfließenden Autobahnverkehr nutzt der Konzern seit Januar 2026 in der elektrischen CLA das open-source Alpamayo-Modell von Nvidia für Level 2+-Funktionen. Wayve tritt nun als dritter KI-Partner auf den Plan. Dieser Schwenk kommt keineswegs überraschend, sondern folgt auf deutliche Kurskorrekturen der vergangenen Monate.
Erst vor Kurzem hat der Konzern seine lang gepriesenen Level 3-Projekte für breitere Volumenmodelle vorerst auf Eis gelegt. Die Realität hat die Ambitionen eingeholt. Das wurde bereits sichtbar, als Mercedes die Entwicklung teurer Level-3-Pläne in der elektrischen C-Klasse stoppte und stattdessen auf flexiblere Assistenzsysteme auswich. Der Einkaufszettel bei Wayve ist das späte Eingeständnis, dass lernende End-to-End-KI-Modelle schlicht schneller Ergebnisse liefern als hauseigene Regelwerke.
Wayve expandiert im Eilmarsch
Für das Start-up Wayve markiert der Vertrag mit Mercedes-Benz den endgültigen Durchbruch im europäischen Oberklasse-Segment. Nach Vereinbarungen mit Nissan und Stellantis sichern sich die Briten den dritten großen Automobilkonzern. Das Unternehmen drückt aufs Tempo: Erst am 3. September 2026 startete Wayve zusammen mit Uber in London den ersten öffentlich zugänglichen Testbetrieb mit umgebauten Ford Mustang Mach-E-Modellen – vorerst noch mit lizenzierter Sicherheitskraft am Steuer.
Ab 2027 will Wayve solche Pilotprojekte in über zehn Märkte ausweiten und Fahrsoftware direkt an Endkunden verkaufen. Für Mercedes-Benz bedeutet die Kooperation zwar einen schnellen Zugriff auf funktionierende KI, offenbart aber gleichzeitig eine Schwachstelle. Der hauseigene Drive Pilot bleibt wegen hoher Sensorkosten ein teures Exotensystem, während für die breite Masse fremde Software eingekauft wird. Der Markt für überwachte Assistenzsysteme ist hart umkämpft, wie auch der Streit um den Konkurrenten aus den USA zeigt, wo der überwachte Ansatz von Teslas FSD-System bis heute um Zulassungen ringt. Mercedes sichert sich ab, verliert aber Stück für Stück die Software-Hoheit.
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