Volvo EX60: 200 statt 2.000 Autos zwingen zu Europa-Vorrang

Volvo EX60
Quelle: Volvo
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Volvos Hoffnungsträger für die elektrische Mittelklasse steckt im industriellen Treibsand fest. Eigentlich sollte der neue Volvo EX60 im schwedischen Stammwerk Torslanda längst mit voller Kraft vom Band laufen, um die Lücke zum Wettbewerb zu schließen. Die Realität vor Ort ist jedoch ein herber Dämpfer: Statt der intern fest eingeplanten 2.000 Fahrzeuge pro Woche rollen derzeit lediglich rund 200 Einheiten wöchentlich aus den Hallen. Ein Produktionsdefizit von satten 90 Prozent, das das Management zu einer radikalen Notfall-Allokation zwingt.

Um die europäischen Kernmärkte nicht komplett trockenlaufen zu lassen, genießt Europa bei den wenigen fertigen Fahrzeugen ab sofort absolute Priorität. Wer die Entwicklung in Göteborg begleitet, weiß: Nach dem Produktionsstart des Volvo EX60 im Werk Torslanda sollte der Stromer unmittelbar als technologischer Taktgeber durchstarten. Stattdessen verkommt die Bevorzugung Europas zu einer reinen Mangelverwaltung, während Kunden in Übersee leer ausgehen.

Cell-to-Body und Megacasting: Die doppelte Prozessfalle

Der Grund für den schleppenden Hochlauf ist hausgemacht. Volvo hat sich beim EX60 für einen doppelten Technologiesprung im Rohbau entschieden, der der Fertigungslinie derzeit zum Verhängnis wird. Ursprünglich als großer Meilenstein gefeiert, zeigte sich schon bei der Premiere, dass das Mittelklasse-E-SUV für Volvo einen echten Neuanfang erzwingen sollte. Anstelle hunderter einzelner Pressteile setzt Volvo im Heck auf Megacasting – riesige Aluminium-Druckgussteile, die das Gewicht senken und Schweißpunkte eliminieren. In der industriellen Praxis verzeihen diese gigantischen Gussformen jedoch nicht die kleinste thermische Abweichung. Verzieht sich das Bauteil beim Abkühlen um Bruchteile eines Millimeters, passt der gesamte Hinterwagen nicht mehr in die Lehren.

Erschwerend kommt die Integration des Hochvoltspeichers hinzu. Beim Cell-to-Body-Verfahren existiert kein klassisches, separates Batteriepack mehr, das nachträglich untergeschraubt wird. Das Batteriegehäuse fungiert direkt als tragender Fahrzeugboden und muss enorme Torsionskräfte aufnehmen. Stimmen Dichtflächen, Verschraubungspunkte und Toleranzen zwischen Karosserierohbau und Speicherpaket nicht hundertprozentig, drohen Mikrorisse oder Feuchtigkeitseintritt. Nach Berichten aus dem Produktionsumfeld bereitet genau diese Nahtstelle erhebliche Probleme, flankiert von einem unerwartet zähen Fertigungsanlauf bei den Elektromotoren. Volvo selbst räumt die Engpässe offiziell ein und begründet die stark begrenzte Stückzahl mit der Komplexität dieser beiden Schlüsseltechnologien.

US-Marktstart implodiert: Händler warten bis 2027

Die drastischste Konsequenz dieser Engpässe trifft den nordamerikanischen Markt mit voller Wucht. Das ursprünglich für 2026 ausgegebene US-Absatzziel von rund 7.000 Fahrzeugen ist de facto Makulatur. Bislang sind in den USA lediglich vereinzelte Händler- und Vorführwagen eingetroffen. Nennenswerte Kunden-Auslieferungen hat Volvo nun offiziell auf das erste Halbjahr 2027 verschoben.

Für das US-Händlernetz ist das ein schwerer Schlag. Volvo hatte zuvor die kleineren Baureihen EX30 und EX40 vom US-Markt abgezogen, wodurch der EX60 als günstigster verbliebener Einstiegsstromer der Marke eingeplant war. Jetzt stehen die Schauräume leer. Die globale Absatzstatistik belegt das Dilemma unbarmherzig: Im Juli 2026 wurden weltweit schätzungsweise gerade einmal 500 EX60 verkauft. Im August 2026 sank dieser Wert sogar auf ernüchternde 250 Fahrzeuge. Wer in Deutschland oder Skandinavien bestellt hat, profitiert zwar vom Europa-Vorzug, muss sich angesichts dieser homöopathischen Stückzahlen dennoch auf lange Wartezeiten einstellen.

11 Prozent Absatzminus: Der Druck auf Göteborg wächst

Für die Schweden kommt der EX60-Stau zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Im dritten Quartal schrumpfte Volvos weltweiter Gesamtabsatz um 11 Prozent. Die Parallelen zur Vergangenheit sind unübersehbar: Bereits beim großen Bruder wurde deutlich, wo der Flaggschiff-SUV Volvo EX90 mit Softwareproblemen patzte und monatelange Verzögerungen anhäufte. Dass nun ausgerechnet das wichtigste Volumenmodell an mechanischen Rohbau-Prozessen strauchelt, erhöht die Nervosität der Konzernmutter Geely massiv.

In der Zwischenzeit schläft die Konkurrenz nicht. Etablierte Platzhirsche wie der BMW iX3 und der elektrische Mercedes GLC stehen bereit, um wechselwillige Flottenkunden und Privatkäufer im Premium-Mittelklassesegment abzugreifen. Gleichzeitig bildet der EX60 das technologische Fundament für Volvos ehrgeizige Produktoffensive bis 2030. Auf derselben Architektur soll bereits 2027 der kompaktere Crossover Volvo EX50 mit 800-Volt-Technik aufsetzen. Gelingt es Volvo nicht, die Toleranzprobleme bei Megacasting und Zellintegration in Torslanda zügig zu beherrschen, gerät die gesamte Modell-Roadmap der Schweden unter gefährlichen Verzug.

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