VW ID Every1: Thomas Schäfer streicht günstige E-Autos von Skoda und Cupra

Wolfsburg bricht mit einer eisernen Konzerntradition: Wer auf einen bezahlbaren Elektro-Flitzer von Skoda oder Cupra zum Kampfpreis gehofft hatte, schaut endgültig in die Röhre. Auf dem Pariser Autosalon stellte VW-Markenchef Thomas Schäfer klar, dass der kommende ID Every1 für rund 20.000 Euro ein reiner Wolfsburger Sololauf wird. Keine tschechischen Raumwunder, keine sportlichen Spanier – im europäischen Kleinstwagen-Segment duldet der Konzern keinen internen Wettbewerb mehr.
Modell-Drillinge gestrichen: Warum Skoda und Cupra im A-Segment leer ausgehen
Früher funktionierte die Rechnung im Konzern nach einem simplen Schema: Eine gemeinsame Plattform wurde auf drei Marken aufgeteilt, um über schiere Stückzahlen Geld zu verdienen. Beim Trio aus VW Up, Skoda Citigo und Seat Mii ging dieser Plan über Jahre auf. Im Elektrozeitalter gilt diese Logik für das Kleinstwagensegment (A-Segment) nicht mehr. Thomas Schäfer erteilte Schwestermodellen nun eine unmissverständliche Absage.
Der Grund ist knallharte Renditejagd: Wolfsburg stuft das Marktvolumen für reine City-Stromer unter vier Metern Länge als zu gering ein, um Entwicklungs- und Zulassungskosten auf mehrere Marken zu verteilen. Bereits als VW den ID. Every1 als günstigen E-Kleinwagen ankündigte, war klar, dass der Preispunkt von 20.000 Euro extrem auf Kante genäht ist. Bei Margen im Promillebereich will VW jeden einzelnen Verkaufserlös der Kernmarke gutschreiben, statt Kunden an günstigere Skoda-Händler zu verlieren.
Für preisbewusste Käufer bedeutet das: Warten auf die nächste Fahrzeugklasse. Skoda darf erst im B-Segment mit dem 25.000-Euro-Elektroauto Skoda Epiq antreten. Cupra positioniert sich mit dem sportlichen Kleinwagen Cupra Raval ebenfalls deutlich oberhalb der Vier-Meter-Marke. Alles darunter gehört künftig exklusiv dem ID Every1.

MEB+ und Rivian-Software: Wie Wolfsburg den 20.000-Euro-Preis erzwingt
Unter dem Blech basiert der ID Every1 auf einer radikal eingekürzten Variante der MEB+ Plattform, die sich das Fahrzeug mit dem kommenden ID Polo teilt. Um die magische 20.000-Euro-Schwelle nicht zu reißen, wird an der Hardware gespart:
- Batterietechnik: Ein kompakter 37-kWh-LFP-Akku (Lithium-Eisenphosphat) soll eine Alltagsreichweite von knapp über 300 Kilometern garantieren.
- Bauraum: Durch die ultrakurzen Überhänge und die gedrängte Antriebseinheit im Vorderwagen entfällt ein vorderer Kofferraum (Frunk) komplett.
- Cockpit-Bedienung: Nachdem VW-Markenchef Thomas Schäfer das Touch-Desaster im neuen ID. Polo beerdigte, muss auch der ID Every1 beweisen, ob echte Schalter trotz Sparzwang überleben dürfen.
Die eigentliche Revolution steckt im Bordnetz: Der ID Every1 fungiert als Vorreiter für das 5-Milliarden-Dollar-Joint-Venture mit Rivian. Er wird das erste europäische Modell von Volkswagen mit einer softwaredefinierten Zonen-Architektur (SDV). Rivian wirft Dutzende separate Steuergeräte über Bord und ersetzt sie durch wenige Hochleistungsrechner. Dass Wolfsburg diese High-Tech-Elektronik ausgerechnet im billigsten Modell debütieren lässt, ist ein kalkuliertes Risiko: Gelingt der Software-Rollout, spart VW massiv Kabelsalat und Produktionskosten. Klemmt es bei der Software, droht dem Hoffnungsträger ein Desaster vor den Augen der Kundschaft.
Natürlicher Übergang: Schäfer halbiert das Modellprogramm bis 2035
Die Streichung der Kleinstwagen-Drillinge ist kein Einzelfall, sondern das Startsignal für eine fundamentale Bereinigung der Modellpalette. Bis zum Jahr 2035 will Thomas Schäfer das Portfolio der Marken Volkswagen, Skoda und Cupra um rund die Hälfte eindampfen.
Hinter der Radikalkur steht der sogenannte „natürliche Übergang“ zum Verbrenner-Ausstieg 2035 in der EU:
- Keine Doppelstrukturen: Nach 2035 gibt es keinen Verbrenner-Polo mehr neben einem ID Polo und keinen T-Cross neben einem ID Cross. Die parallelen Verbrenner-Entwicklungslinien laufen schlicht aus.
- Konzern-Synergiegruppen: Die Kernmarken werden thematisch aufgeteilt, damit sie sich im Markt nicht gegenseitig die Kunden abjagen.
- Fokussierung auf Ertrag: Parallele Nischenmodelle werden gestrichen – eine Entwicklung, die sich bereits beim Modell-Kahlschlag rund um den elektrischen Golf abzeichnete.

Der City-Stromer-Vergleich: Hält der ID Every1 der Konkurrenz stand?
Wolfsburgs Alleingang birgt ein massives Risiko: Der Markt wartet nicht, bis der ID Every1 vom Band rollt. Die Konkurrenz greift das Budget-Segment bereits frontal an:
| Modell | Geplanter Basispreis | Reichweite (WLTP / Ziel) | Plattform / Architektur |
| VW ID Every1 | ca. 20.000 € | > 300 km (37 kWh LFP) | MEB+ / Rivian SDV-Architektur |
| Renault Twingo E-Tech | ca. 20.000 € | ca. 260 km | AmpR Small Plattform |
| Smart #2 | ca. 20.000 € | ca. 290 km | Geely-Kooperationsbasis |
Renault und Smart stehen bereit, um unentschlossene Kleinwagenkäufer abzugreifen. Ohne den Rückhalt von Skoda und Cupra muss Volkswagen die hohen Stückzahlen im Alleingang über die eigenen Händler stemmen. Verhebt sich der Konzern bei den Kosten oder der Rivian-Software, droht ausgerechnet das wichtigste Volks-Elektroauto zur teuren Falle zu werden.
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