VW ID. Tiguan: Bestseller-Name trifft auf alte 400V-Technik

Die Zahl 8,3 Millionen erklärt den Kurswechsel in Wolfsburg sofort. Volkswagen gibt das ungeliebte Zahlenspiel auf und verpasst dem Elektro-Nachfolger von ID.4 und ID.5 ab Anfang 2027 den Namen des weltweiten Konzern-Bestsellers. Der neue ID. Tiguan sieht optisch nach mehr Oberklasse aus und bringt bis zu 600 Kilometer Reichweite. Doch der Blick auf die finale Datenbasis offenbart an den entscheidenden Stellen schlicht Stagnation.
400-Volt-Architektur bremst den Elektro-Tiguan aus
Wolfsburg legt beim Antrieb in drei Stufen nach. Das Basismodell startet mit Heckantrieb, 140 kW (190 PS) und einem 58 kWh LFP-Akku. Darüber rangiert ein Hecktriebler mit 210 kW (286 PS), während die Topversion auf Allradantrieb, 220 kW (299 PS) sowie knappe 500 Nm Drehmoment setzt. Den Sprint von 0 auf 100 km/h absolviert das Allrad-SUV in 7 Sekunden. Die WLTP-Reichweiten liegen je nach Batteriegröße zwischen 450 Kilometern beim Basis-Akku und bis zu 600 Kilometern bei der großen Variante. Die Allradausführung schrumpft beim Aktionsradius auf 560 Kilometer.
Auffällig bleibt die veraltete Ladetechnik. Während fernöstliche Konkurrenten in dieser Klasse längst auf extrem schnelle Plattformen setzen, verharrt Volkswagen im gewohnten 400-Volt-Netz. Die maximale DC-Ladeleistung beträgt beim großen 77-kWh-Akku magere 165 kW. Damit dauert der Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent im Idealfall 29 Minuten. Das Einstiegsmodell mit LFP-Batterie lädt sogar nur mit maximal 105 kW an der Schnellladesäule. Bei Wechselstrom (AC) begrenzen alle Modellvarianten die Ladeleistung stur auf 11 kW.
Die technischen Daten bestätigen die Kehrseite der Plattform-Politik. Schon bei der Ankündigung der MEB-Optimierung stand fest, dass Wolfsburg dem ID.4-Nachfolger keine völlig neue Architektur spendiert. Wer auf echtes Blitzladen gehofft hat, wird enttäuscht. Der Vergleich mit den bekannten LFP-Kompromissen der MEB-Plattform zeigt, dass der Konzern seinem Wichtigsten das nötige Lade-Upgrade verwehrt.
Lenkradtasten und Tastenleiste reparieren das Cockpit
Wesentlich cleverer agiert der Konzern im Innenraum. Die berüchtigten Touch-Slider und unergonomischen Bedienfelder am Lenkrad fliegen komplett raus. Der ID. Tiguan erhält wieder echte Tasten mit spürbarem Druckpunkt auf den Lenkradspeichen. Eine separate Tastenleiste unter dem zentralen Touchscreen übernimmt die direkte Steuerung für Klimafunktionen und Warnblinker. Zusätzlich verbaut Volkswagen einen klassischen Drehregler auf der Mittelkonsole für die Lautstärke.
Diese Korrektur folgt exakt der Linie, die der Hersteller mit dem frischen Innenraum-Konzept des ID. Polo eingeschlagen hat. Die Rückkehr zur analogen Logik tut dem Alltagsbetrieb gut. Statt sich durch verschachtelte Untermenüs zu tippen, lässt sich die Temperatur wieder ohne Ablenkung regeln. Die Materialauswahl im Cockpit wirkt auf den ersten Blick spürbar solider verarbeitet als in den spartanischen Anfangstagen der ID-Serie.
Das Fahrwerk übernimmt die traditionellen Stärken des Konzerns. Erste Testfahrten mit getarnten Vorserienfahrzeugen attestieren dem E-SUV eine hervorragende Geräuschdämmung und eine ausgewogene Federung. Selbst das hohe Leergewicht von über zwei Tonnen federt die Fahrwerksabstimmung auf schlechtem Asphalt gelassen weg. Das leise Dahingleiten gehört zu den echten Schauseiten des Autos.
Modell-Bereinigung streicht ID.5 und GTX-Label
Wolfsburg nutzt den Namenswechsel für einen harten Schnitt im Portfolio. Das Coupé-Derivat ID.5 stellt der Konzern ersatzlos ein. Schrägheck-SUVs haben sich als Ladenhüter erwiesen und bekommen keinen Nachfolger. Gleichzeitig stirbt das blasse GTX-Label. Sportliche Varianten laufen künftig wieder unter den etablierten Performance-Marken. Der ID. Tiguan läuft ab Anfang 2027 parallel zum klassischen Tiguan mit Verbrenner- und Hybridantrieb vom Band.
Markenchef Thomas Schäfer verweist auf über 8,3 Millionen produzierte Tiguan-Modelle, um die Zugkraft des Namens zu begründen. Allein im vergangenen Jahr lieferte der Konzern zusammen mit dem Schwestermodell Tayron mehr als eine Million Fahrzeuge aus. Bislang verkaufte die Marke seit 2021 knapp 950.000 Einheiten von ID.4 und ID.5. Der bekannte Modellname soll unentschlossenen Käufern die Schwellenangst vor der Elektromobilität nehmen.
Ein radikaler Technologiesprung bleibt dagegen der erst für spätere Jahre versprochenen SSP-Architektur vorbehalten. Die Weltpremiere des getarnten ID. Tiguan steigt Anfang Oktober 2026. Die Markteinführung folgt Anfang 2027. Welches Preisschild der Hersteller an das E-SUV heften wird, bleibt vorerst offen. Gegen die Konkurrenz von Tesla und den Ansturm chinesischer Marken wird der ID. Tiguan einen schweren Stand haben, wenn der Einstiegspreis nicht exakt sitzt.
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