Mercedes EQS: Warum das Yoke-Lenkrad ohne Kranz Sinn ergibt

futuristisches Yoke Lenkrad im neuen Mercedes-Benz EQS
Quelle: Mercedes-Benz AG
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Der zweite Facelift des Mercedes-Benz EQS steht bei den Händlern, und die Pressemitteilungen wedeln fleißig mit 800-Volt-Architektur und mehr Reichweite. Ehrlich gesagt interessiert das kaum jemanden so sehr wie das eine Detail im Innenraum: das optionale Yoke-Lenkrad mit echter Steer-by-Wire-Lenkung. Und im Gegensatz zu vielen Gimmicks der letzten Jahre steckt hier tatsächlich handfeste Technik dahinter, keine reine Formspielerei.

Steer-by-Wire: Was technisch wirklich dahintersteckt

Steer-by-Wire heißt konkret: keine mechanische Verbindung mehr zwischen Lenkrad und Vorderachse. Lenkbefehle werden elektronisch erfasst und von Motoren an der Achse umgesetzt. Das erlaubt eine variable Übersetzung – beim Rangieren reicht ein Lenkeinschlag von grob 150 Grad Anschlag zu Anschlag, bei Autobahntempo wird die Lenkung automatisch indirekter und ruhiger. Genau deshalb muss der Fahrer nie mehr umgreifen, und genau deshalb ist der obere und untere Kranz beim Yoke schlicht überflüssig geworden.

Wichtig für die Einordnung: Serienreifes Steer-by-Wire ohne mechanisches Backup ist bislang eine Seltenheit. Lexus hat mit dem RZ und dem „One Motion Grip“-System in ausgewählten Märkten wie Japan vorgelegt. Tesla dagegen nutzt beim Cybertruck zwar ebenfalls ein Yoke, lenkt aber weiterhin mechanisch – das ist ein wichtiger Unterschied, der in der öffentlichen Debatte gerne verwischt wird. Mercedes würde mit einem echten Steer-by-Wire-System in einem europäischen Volumenmodell also tatsächlich einen der ersten großen Schritte in diese Richtung gehen.

Zulassung als Nadelöhr

Ganz ohne mechanische Rückfallebene zu lenken, war rechtlich lange gar nicht erlaubt. Erst die Anpassung der UN-R79-Regularien im Jahr 2022 hat Steer-by-Wire ohne mechanischen Notanker überhaupt zulassungsfähig gemacht – vorausgesetzt, das System ist redundant ausgelegt, also mit doppelten Motoren, Steuergeräten und eigener Stromversorgung. Das bedeutet praktisch: Je nach Markt kann sich der Rollout unterschiedlich stark verzögern, in den USA dürfte die Zulassung traditionell zäher laufen als in Europa. Wer bei komplett neuer, redundanzabhängiger Technik skeptisch ist, hat mit dieser Sorge nicht ganz unrecht – auch wenn die Systeme nach Herstellerangaben mehrfach abgesichert sind.

Bedienelemente: Rückkehr zur Vernunft

Weniger spektakulär, aber im Alltag relevanter: In den Speichen sitzen wieder echte, fühlbare Bedienelemente statt der ungeliebten Touch-Flächen der Vorgängergeneration. Links die Wippe für die Distronic, rechts die Lautstärkewalze. Das ist die direkte Reaktion auf jahrelange Kundenkritik an kapazitiven Feldern, die im Alltag gerne mal aus Versehen ausgelöst haben. Das wurde aber auch Zeit – und das Beste daran: Diese Bedienlogik ist identisch, egal ob man sich für Yoke oder klassisches Lenkrad entscheidet.

Klassisches Lenkrad bleibt die sichere Bank

Wer beim gewohnten Lenkgefühl bleiben will, bekommt weiterhin das runde Lenkrad mit klassischer mechanischer Lenkung, optisch in gewohnter Mercedes-Formensprache mit durchgehendem Kranz. Die Wahl zwischen beiden Varianten ist damit am Ende reine Geschmackssache beim Lenkgefühl – die restliche Bedienung im Cockpit unterscheidet sich nicht mehr.

Technisch ehrlich, aber nix für Zweifler

Das Yoke-Lenkrad im EQS ist kein reiner Marketing-Move, sondern bringt mit variabler Lenkübersetzung und wegfallendem Umgreifen einen echten Alltagsnutzen. Trotzdem bleibt die Frage nach der Systemsicherheit ohne mechanisches Backup berechtigt, und ein konkreter Preis für das Steer-by-Wire-Paket steht bislang nicht fest. Wer auf Nummer sicher gehen will, greift weiterhin zum klassischen Lenkrad – technisch identisch bedient, aber ohne den Vertrauensvorschuss, den Steer-by-Wire noch braucht.

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