Renault: CEO warnt vor dem eigenen Retro-Erfolg

gelber Renault 5 und roter Renault Clio in schräger Frontansicht
Quelle: Renault
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Renault hat mit dem Retro-Trio R5, R4 und Twingo einen der wenigen echten Erfolgsgeschichten der europäischen Autoindustrie hingelegt. Während VW mit dem ID.2 noch auf sich warten lässt und Citroën mit dem ë-C3 eher solide als begeisternd unterwegs ist, hat Renault mit charmanten Retro-Stromern die Herzen der Kundschaft erobert. Und jetzt kommt ausgerechnet der Markenchef persönlich um die Ecke und sagt im Autocar-Interview sinngemäß: Genau das reicht nicht mehr.

Fabrice Cambolive, seit 2024 CEO der Marke Renault (nicht zu verwechseln mit François Provost, der seit 2025 an der Spitze der gesamten Renault Group steht), bringt es auf den Punkt: „Wer nur in der Vergangenheit lebt, ist verloren.“ Bemerkenswert deutlich für jemanden, dessen Portfolio gerade von genau dieser Vergangenheit lebt. Aber genau das macht die Aussage lesenswert – hier spricht kein PR-Mensch, der den Retro-Hype feiert, sondern einer, der ihn offenbar kommen sieht, bevor er zum Bumerang wird.

Renaults Drittel-Formel: Kult, Saga, Unbekanntes

Cambolive liefert eine klare Formel für die künftige Modellpalette: Ein Drittel ikonische Fahrzeuge wie R5, R4 und Twingo. Ein Drittel sogenannte „Saga-Modelle“ – keine Legenden, aber fest im kollektiven Gedächtnis verankert, wie Clio und Scenic. Der Rest soll komplett frei von Nostalgie-Zwängen entstehen, offen für Designer-Ideen ohne Rücksicht auf alte Nameplates.

Das ist mehr als eine nette Interview-Floskel. Es ist ein Eingeständnis, dass Retro-Design ein endliches Kapital ist. Jede Marke, die aktuell auf alte Ikonen setzt – ob Ford mit dem Capri, Mini mit der Cooper-Neuauflage oder eben Renault – wird irgendwann durch die eigene Fangemeinde ausgezehrt. Nostalgie verkauft sich nur so lange, wie sie nicht zur Krücke wird. Ob das neue „freie Drittel“ tatsächlich kommt, oder nur eine hübsche Ansage ohne Butter bei die Fische bleibt, verrät der CEO nicht. Konkrete Modellnamen: Fehlanzeige.

Der Clio-Nachfolger soll eine Lücke füllen, die keiner besetzt

Spannend wird es beim aktuellen Clio, der gerade erst mit größerer Karosserie, neuer Optik und aktuellem Hybridantrieb an den Start gegangen ist – in UK ist er als Rechtslenker noch nicht mal ausgeliefert. Trotzdem denkt Renault laut Cambolive längst über die nächste Generation nach, die frühestens Mitte der 2030er kommen dürfte.

Die Zielgröße: 4,1 bis 4,2 Meter, klassischer B-Segment-Hatchback, kein SUV. Cambolive sieht hier eine „unbesetzte Marktlücke“ in Europa – was auch eine versteckte Spitze gegen die eigene Branche ist, die seit Jahren jeden Kleinwagen in ein Mini-SUV verwandelt. Ob der nächste Clio noch einen Verbrenner bekommt, lässt der CEO offen. Fest steht: Die neue Konzernplattform kann sowohl reinen Batterieantrieb als auch einen Range-Extender bedienen – ein Kompromiss-Ansatz, den bislang vor allem chinesische Hersteller wie Leapmotor (über die Renault-Kooperation) im Portfolio haben. Bis 2030 will Renault zu 100 Prozent elektrifiziert sein, davon die Hälfte rein batterieelektrisch, Tendenz laut Cambolive sogar steigend.

R5-Nachfolger: Mehr Reichweite reicht Renault nicht

Der aktuelle Renault 5, Car of the Year 2025, startet bei rund 26.000 Euro und bietet je nach Batterie 317 oder 417 Kilometer WLTP-Reichweite bei 120 beziehungsweise 150 PS. Für die zweite Generation sind stärkere Motoren und ein größerer Akku im Gespräch – das klassische Facelift-Rezept, das aber laut Cambolive nicht der eigentliche Plan ist.

Interessant ist, was der CEO über bereits erkannte Schwachstellen sagt: Statt sie einfach zu reparieren, will Renault dem R5 einen echten neuen Mehrwert verpassen – etwa eine andere Karosserieform oder Co-Branding, wie es Mini gerade mit Modedesigner Paul Smith vormacht. Bemerkenswert ist außerdem Cambolives Aussage, dass Renault intern bewusst keinen Verbrenner oder Hybrid in den R5 gepackt hat, obwohl genau das von innen wie außen gefordert wurde. Kompromisslosigkeit als Erfolgsrezept – eine steile These, aber ehrlich gesagt eine der wenigen glaubwürdigen Aussagen in diesem Interview, weil sie sich mit der Realität deckt: Ein R5 mit Verbrenner hätte vermutlich nie die gleiche Aufmerksamkeit bekommen.

Was das für Käufer wirklich bedeutet

Für alle, die aktuell mit einem R5 oder Clio liebäugeln: Kurzfristig ändert sich nichts. Die nächste Clio-Generation kommt frühestens 2035, der R5-Nachfolger wird ebenfalls nicht über Nacht auf den Hof rollen. Wer jetzt kauft, bekommt kein Auslaufmodell, sondern ein Fahrzeug mit langem Lebenszyklus vor sich.

Spannender ist die strategische Botschaft dahinter: Renault hat verstanden, dass Retro-Charme allein keine Zukunftsstrategie ist. Das ist ungewöhnlich ehrlich für einen Markenchef – und unterscheidet Cambolive von Wettbewerbern, die ihre Retro-Modelle bis zur Erschöpfung durchdeklinieren, ohne über den Tag danach nachzudenken.

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