Fiat Multiplay: Aus dem Kult-Van wird ein Elektro-Pick-up

Der Fiat Multipla von 1998 spaltet bis heute die Gemüter: Für die einen das hässlichste Auto aller Zeiten, für Kenner eine geniale Raum-Sensation auf unter vier Metern Länge. Auf dem Pariser Autosalon belebt Fiat diese Idee neu. Die Studie Multiplay misst 4,45 Meter und versucht sich an einem fast vergessenen Kunststück: Sie vereint Familien-Van, Freizeit-SUV und offenen Pritschenwagen in einer einzigen Karosserie.
Statt nostalgischer Formen gibt es radikale Variabilität. Stellantis nutzt den Pariser Salon gezielt für historische Brückenschläge – das zeigte bereits die Elektro-Ente auf dem Pariser Autosalon von Citroën. Bei Fiat steht jedoch kein Retro-Chic im Fokus, sondern ein Schiebemechanismus, der dem grassierenden Einheitsbrei kompakter E-SUVs den Kampf ansagt.
Metamorfosi an der C-Säule: Wenn der Kofferraum zur Pritsche wird
Der Kern des Konzepts nennt sich schlicht „Metamorfosi“. Fiat montiert im Bereich der C-Säule ein bewegliches Heckteil auf Schienen. Im geschlossenen Zustand rollt der Multiplay als geräumiger Familientransporter mit sechs Sitzen plus Zusatzplatz vor. Schiebt man das Modul nach vorn, schrumpft die Kabine auf vier Sitzplätze – und gibt eine offene Ladefläche für Fahrräder, Sportausrüstung oder sperrige Baumarkt-Einkäufe frei.
Das knüpft direkt an die Stärken des Ur-Multipla an. Wo Roberto Giolito 1998 auf 3,99 Metern zwei Dreierbänke unterbrachte, nutzt der Multiplay seine 4,45 Meter für den schnellen Rollenwechsel zwischen Familienalltag und Nutzwert.
Auch der Heckspoiler erfüllt einen handfesten Zweck: Ein Handgriff genügt, das Bauteil klappt um und dient als vollwertiger Fahrradträger für zwei Räder. Kein schwerer Heckträger im Keller, keine wacklige Montage auf der Anhängerkupplung – das ist pragmatisch gedacht.

Wassermelonen-Look, Liegesitz und die integrierte Hundeleine
Im Innenraum verabschiedet sich Fiat vom typischen Schwarz-Grau. Die Farbpalette orientiert sich an einer aufgeschnittenen Wassermelone: Außen dominiert Grün, innen treffen Rot- und Rosatöne auf türkise Akzente. Die Polster bestehen aus recyclingfähigen Monomaterial-Textilien, nahtlos im 3D-Strickverfahren gefertigt. Schmutzanfällige Zonen sind konsequent wasserabweisend versiegelt, während das Zentraldisplay bei ausgeschalteter Zündung bündig im Armaturenbrett versinkt.
Skurril, aber durchdacht wirkt der „Petsenger Seat“. Das variable Sitzelement dient wahlweise als Isofix-Basis, Ablagetisch oder Hundebett. Ein Teil des Sitzpolsters lässt sich abziehen und direkt als Hundeleine nutzen, während in der Türverkleidung ein faltbarer Trinknapf steckt.
Für lange Ladestopps verwandelt sich der Beifahrersitz in den „Sunseat“: Einmal um 180 Grad nach hinten gedreht, dient das Armaturenbrett als Rückenlehne – fertig ist die Liege unter dem Glasdach. In der dritten Reihe verspricht Fiat sogar ausreichend Raum für zwei Kinder oder einen Erwachsenen.
Schöne Show, null Technik: Das bekannte Stellantis-Muster
Bei aller Liebe zum cleveren Detail folgt der Dämpfer auf dem Fuß: Zu Batteriekapazität, PS-Leistung, Reichweite oder Ladezeiten verliert Fiat kein einziges Wort. Der Multiplay ist ausdrücklich kein Serienvorläufer, sondern ein rollendes Ideenlabor. Einzelne Lösungen könnten irgendwann in Serienfahrzeuge einfließen – müssen es aber nicht.
Genau dieses Vorgehen hinterlässt einen faden Beigeschmack. Während Stellantis ab 2028 günstige E-Autos gegen die massive Konkurrenz aus China in Stellung bringen will, fehlt es an greifbaren Fortschritten bei bezahlbaren Plattformen. Wenn gleichzeitig Batterie-Engpässe bei Stellantis Werke lahmlegen, wirken integrierte Hundenäpfe wie bunte Ablenkung von den eigentlichen Hausaufgaben.
Hinter den Kulissen verdichten sich immerhin Hinweise, dass der Name Multipla zurückkehren könnte: Ab 2028 soll ein vierrädriges Leichtfahrzeug namens Multiplina als großer Bruder des Topolino starten. Der in Paris gezeigte Multiplay bleibt dagegen vorerst reine Messemusik.
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