Honor Robot Phone: Geniale Gimbal-Mechanik trifft Plastik-Ziegelstein

Auf dem MWC in Barcelona hielten es die meisten noch für eine reine Fingerübung der Ingenieure, die nie im Laden landet. Mittlerweile verkauft Honor das Robot Phone regulär in China. Das erste ausführliche Hands-on von SwagTab liefert nun handfeste Antworten: Die verbaute Robotik deklassiert softwarebasierte Kamerasysteme mühelos, fordert im Alltag aber massive Kompromisse ein.
Titan-Motor und ARRI-Kino: Echte Hardware schlägt Software-Tricks
Die Besonderheit zeigt sich unmittelbar beim Starten der Kamera: Ein motorisierter Roboterarm schiebt die 200-Megapixel-Hauptkamera physisch aus dem Gehäuse. Was viele für reine Show hielten, als Honor das Robot Phone ankündigte, funktioniert erstaunlich geschmeidig. Honor kombiniert ein mechanisches Drei-Achsen-Gimbal mit einem vierten Freiheitsgrad (4-DOF-System), wodurch die Optik nicht bloß Verwacklungen ausgleicht, sondern aktiv Schwenks und Perspektiven wechselt.
Der integrierte Gimbal-Motor besteht komplett aus Titan und wiegt lediglich 2,6 Gramm. Die gesamte Einheit baut 65 Prozent kompakter als separate Smartphone-Gimbals und agiert um bis zu 200 Prozent stabiler. Im Praxischeck reagiert der Arm verzögerungsfrei auf manuelle Touchscreen-Befehle und fährt automatisierte Drehungen um 90 Grad oder 180 Grad butterweich ab. Solche Kameraschwenks wirken völlig organisch, weil sie mechanisch stattfinden und nicht digital über Pixel-Beschnitt simuliert werden.
Für Vlogger räumt das Konzept gewaltig ab. Man platziert das Smartphone auf dem Schreibtisch oder einem Stativ: Das Modul trackt das Gesicht kontinuierlich, hält den Bildausschnitt zentriert und nutzt das 6,31-Zoll-Panel als vollwertigen Kontrollmonitor. Separate Zubehör-Gimbals von DJI oder Insta360 wirken dagegen schlagartig umständlich.
Um das chronische Video-Defizit gegenüber dem iPhone anzugehen, holte sich der Hersteller Know-how vom deutschen Kameraspezialisten ARRI an Bord – ein Ansatz, der sich bereits bei der ARRI-Kamera der Magic-Serie andeutete. Im ARRI Cinema Mode zeichnet die Kamera mit 10-Bit im Farbraum Log C3 auf, während offizielle ARRI LUTs für filmisches Grading sorgen. Honor liefert die Hardware, ARRI übernimmt die Farbabstimmung. In China dient das bewegliche Kameramodul zusätzlich als interaktiver KI-Companion samt Kopfnicken – eine Spielerei, die im Test eher bizarr als nützlich wirkt.
248 Gramm und Schiebemechanik: Der Ziegelstein im Hosentaschen-Test
Die Kehrseite der Motorentechnik schlägt beim ersten Anfassen unbarmherzig zu. Mit einer Gehäusedicke von 9,6 Millimetern und einem Gewicht von 248 Gramm liegt das Gerät wie ein kompakter Ziegelstein in der Hand. Ein iPhone 16 Pro Max bringt zwar ein ähnliches Gewicht auf die Waage, verteilt dieses aber auf eine deutlich größere Fläche. Durch das schwere Kameramodul an der Oberseite ist das Robot Phone spürbar kopflastig.
Richtig billig wirkt die Materialwahl: Rahmen und Rückseite bestehen vollständig aus einfachem Kunststoff. Nach Honors Startplänen für das dritte Quartal durfte man mehr Premium-Feeling erwarten. Die größte Fehlkonstruktion bleibt jedoch die Schutzabdeckung der Mechanik: Vor dem Einsatz muss dieser Kunststoffschieber per Hand zur Seite geschoben werden. Ein manueller Handgriff bei einem vollautomatisierten Roboter-Smartphone wirkt absurd. Der Schieber wirkt zerbrechlich und zieht Fingerabdrücke magisch an.
Dazu kommt das langfristige Haltbarkeitsrisiko. Wie frühere Experimente mit Pop-up-Kameras und empfindlichen Foldable-Scharnieren gezeigt haben, sind bewegliche Bauteile die Achillesferse moderner Smartphones. Hosentaschen-Fusseln, Staub und Stürze dürften der filigranen Mechanik im Alltag schnell zusetzen.
High-End-Innereien für 1.300 Euro bleiben ein reines China-Experiment
Bei den restlichen Komponenten spart Honor glücklicherweise nicht. Flankiert wird das Hauptmodul von einer 200-Megapixel-Telekamera mit 2,7-fachem optischen Zoom sowie einer 50-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera. Ähnlich wie bei dem neuen Flaggschiff Magic 9 Pro Max setzt der Hersteller auf Bildsensoren der aktuellen Spitzenklasse. Angetrieben wird das System vom Qualcomm Snapdragon 8 Elite Gen 5, während das 6,31 Zoll große LTPO-OLED mit geschmeidigen 120 Hz und einer Spitzenhelligkeit von bis zu 6.000 Nits arbeitet.
Die Energieversorgung übernimmt ein 7.060-mAh-Akku auf Silizium-Kohlenstoff-Basis, der selbst energiehungrige Drehtage abfedert. Billig ist der Exot allerdings nicht: Die Version mit 512 GB Speicher schlägt in China mit umgerechnet rund 1.300 Euro zu Buche – selbst für chinesische Verhältnisse ein extrem hoher Kurs.
Ein Marktstart in Deutschland oder Europa ist offiziell vom Tisch. Der Fertigungsaufwand der winzigen Titan-Gelenke ist enorm hoch, weshalb Honor den Verkauf vorerst auf den Heimatmarkt begrenzt. Das Robot Phone bleibt damit ein typisches Produkt der ersten Generation: Ein faszinierender Technologieträger für Enthusiasten, der im harten Alltagstest erst noch beweisen muss, ob motorisierte Kameras eine Zukunft haben.
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