Volvo EX60: 50.000 Vorbestellungen verhungern am Montageband

Volvo fährt mit Vollgas in die nächste Schieflage. Am heutigen 23. Oktober 2026 legt der schwedische Hersteller für das dritte Quartal einen operativen Verlust von fast 280 Millionen Pfund (rund 325 Millionen Euro) vor und kündigt zeitgleich den Abbau von 2.500 Arbeitsplätzen an. Doch die eigentliche Hiobsbotschaft betrifft das wichtigste Zukunftsmodell der Marke: Für das neue Mittelklasse-Elektro-SUV Volvo EX60 liegen über 50.000 Vorbestellungen vor, aber seit dem Produktionsstart im April rollten gerade einmal 5.000 Fahrzeuge aus den Werkshallen. Die Fertigung kommt schlicht nicht vom Fleck.
Warum stockt die Fertigung des Volvo EX60?
Wer geglaubt hat, nach dem quälenden Software-Chaos beim Volvo EX90 hätten die Schweden ihre Abläufe im Griff, sieht sich getäuscht. Diesmal liegt der Fehler allerdings nicht im Programmcode, sondern in der Industrie-Robotik.
Das neue Megacasting, bei dem riesige Aluminium-Strukturen gegossen werden und hunderte Einzelteile ersetzen, läuft nach Angaben von CEO Håkan Samuelsson problemlos. Der Flaschenhals sitzt tiefer: Es ist die direkte Integration des Batteriepakets in den Fahrzeugboden.
Volvo verzichtet beim EX60 auf klassische Batteriemodule und setzt erstmals auf eine Cell-to-Body-Architektur. Rund 100 Akkuzellen müssen dabei vollautomatisiert mit extremer Präzision direkt in die tragende Struktur der neuen SPA3-Plattform von Volvo eingepresst werden. Manuell lässt sich dieser Vorgang wegen der engen Toleranzen überhaupt nicht bewältigen.
Weichen die Montageroboter nur um Bruchteile eines Millimeters ab, steht die gesamte Taktung still. Chief Commercial Officer Erik Severinson räumte ein, dass sich der Anlauf auf der SPA3-Architektur als extrem zäh erweist. Volvo hat zwar rund 750 Millionen Pfund (knapp 875 Millionen Euro) in den Umbau des Werks Torslanda investiert, doch die mechanische Fertigungslinie ist hochkomplex und arbeitet weit unter ihrer Nenngeschwindigkeit.
BMW deklassiert Göteborg im industriellen Ramp-up
Wie ein professioneller Serienanlauf in dieser Fahrzeugklasse funktioniert, demonstriert ausgerechnet Erzrivale BMW. Während gravierende Produktionsprobleme im Werk Torslanda den Auslieferungsstart der Schweden abwürgen, vermelden die Münchner bereits über 100.000 Bestellungen für den direkten Konkurrenten iX3.
Der Kontrast in der industriellen Umsetzung könnte schärfer kaum sein. Bei BMWs Hochlauf des iX3 in Debrecen laufen die Bänder bereits im 24/7-Dreischichtbetrieb unter Volllast. Das ungarische Werk zieht das Tempo schneller an als jeder andere Standort in der Geschichte des Konzerns.
Volvo hingegen hat in einem halben Jahr mühsam zehn Prozent seines Auftragsbestands abgearbeitet. Wer als Premium-Hersteller im lukrativen Mittelklasse-Segment vorbestellende Kunden monatelang vertröstet, riskiert Stornierungen zugunsten der bayerischen Konkurrenz.
Gewinnbringer auf Raten gefährdet den gesamten Sanierungskurs
Der verpatzte Ramp-up reißt tiefe Löcher in die Finanzplanung der Skandinavier. Der EX60 sollte nicht nur Stückzahlen bolzen, sondern als wichtigste Ertragsstütze der kommenden Jahre den Turnaround absichern und zu den margenstärksten Modellen überhaupt gehören.
Samuelsson warnte die Aktionäre bereits unumwunden: Der finanzielle Ertrag des Fahrzeugs wird sich spürbar verzögern, weil der Hochlauf meilenweit hinter dem ursprünglichen Plan hinterherhinkt. Die Streichung von 2.500 Arbeitsplätzen ist die unmittelbare Konsequenz einer Kostenstruktur, die auf Stückzahlen kalkuliert ist, die Torslanda aktuell nicht liefert.
Gleichzeitig geraten die nächsten Modellstarts ins Wanken. Für Herbst 2027 ist bereits ein günstigeres SPA3-Schwestermodell als Nachfolger des betagten EX40 angekündigt. Bekommt Volvo die automatisierte Zellmontage beim EX60 nicht schleunigst in den Griff, droht dem gesamten Portfolio ein Domino-Effekt.
Samuelsson verteidigt die Technologie-Entscheidung damit, dass Pioniergeist höhere Prozessrisiken birgt als das Festhalten an konventionellen Methoden, und gibt zu: Man war schlicht zu optimistisch beim Hochlauf. Doch Taten zählen mehr als Beschwichtigungen. Ein starkes Elektroauto auf dem Papier nützt herzlich wenig, wenn die Fabrik es nicht auf den Asphalt bringt.
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