Lucid Gravity: 839-PS-Gigant scheitert an Software-Pannen

Der Praxisbericht von Carwow zum Lucid Gravity legt eine unbequeme Wahrheit offen: Auf der Straße prallen automobile Ingenieurskunst und digitales Chaos frontal aufeinander. Für mich ist dieses bis zu 3,4 Tonnen schwere Geschoss ein absurdes Paradoxon. 839 PS Leistung und ein gigantischer 123-kWh-Akku treffen auf eine Bordelektronik, die bei 116.900 Euro Basispreis wie eine unfertige Vorabversion wirkt. Wenn sich ein Luxus-Stromer während der Dreharbeiten mitsamt Schlüssel und Smartphone selbst verriegelt, rettet ihn auch die beste Ladekurve nicht vor der Blamage.
Reale Reichweite und Ladezeit: 123 kWh und 200-kW-Dauerplateau
Auf dem Datenblatt demontiert der US-Kreuzer die europäische Konkurrenz mühelos. Lucid packt eine Batterie mit satten 123 kWh Nettokapazität in den Unterboden. Der offizielle WLTP-Wert von 739 Kilometern ist reine Utopie, doch auf der Autobahn stehen real verlässliche 500 Kilometer auf der Uhr. Das ist für ein Trum dieser Größenordnung eine echte Ansage.
Am Schnelllader setzt das 800-Volt-System neue Maßstäbe. Der Gravity zieht in der Spitze bis zu 400 kW und lädt in 26 Minuten von 10 auf 80 Prozent. Der eigentliche Clou ist das Ladeplateau: Der Wagen hält die Ladeleistung überdurchschnittlich lange bei über 200 kW, statt wie die Konkurrenz nach wenigen Minuten steil einzubrechen.
Zwei E-Motoren wuchten Allradantrieb, 839 PS und über 1.200 Nm Drehmoment auf den Asphalt. Der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 3,6 Sekunden, bei 250 km/h greift die Abregelung. Aus dem Stand fehlt allerdings der typische Tritt ins Kreuz, weil Lucid die Kraftentfaltung unten herum spürbar glättet. Erst wenn man auf der Autobahn von 120 km/h auf 200 km/h durchbeschleunigt, spürt man die unbändige Wucht dieses Riesen.
Siebensitzer-Qualitäten, doch das Glasdach heizt auf 41 Grad
Beim Nutzwert beweist Lucid echtes Raum-Verständnis. Der Gravity ist ein vollwertiger Siebensitzer, bei dem die dritte Reihe keineswegs zur Strafbank verkommt. Beide Einzelsitze klappen wie Koffer flach in den Kofferraumboden und stehen mit einem Zug am Band wieder bereit – selbst Erwachsene reisen ganz hinten erstaunlich bequem. Vorne schluckt der Frunk zusätzliche 230 Liter und taugt bei Pausen als Sitzbank.
Fondtüren mit 90-Grad-Öffnungswinkel machen das Einsteigen kinderleicht. Trotz rund fünf Metern Länge schrumpft der Wendekreis dank Allradlenkung auf kompakte 11,7 Meter – ein Ford Mustang benötigt mit 12 Metern mehr Rangierraum. Bis zu 636 kg Zuladung und 2,5 Tonnen Anhängelast übertreffen klassische Vans deutlich.
Die markante Canopy-Windschutzscheibe wird an Sonnentagen jedoch zur Hitzefalle. Weil das Glas nahtlos bis ins Dach ragt und ein mechanisches Rollo fehlt, kletterte die Temperatur im Innenraum auf glatte 41 Grad. Am späten Nachmittag strahlt die tiefstehende Sonne zudem seitlich an den Sonnenblenden vorbei direkt ins Gesicht. Geht die Scheibe durch Steinschlag zu Bruch, kostet der Tausch bei Lucid 3.700 Euro – die im Netz kursierenden Gerüchte über 9.000 Dollar stimmen immerhin nicht.
Im Baustellenbereich erfordert der Riese höchste Aufmerksamkeit. Leer wiegt der Gravity knapp unter 2,8 Tonnen, beladen erreicht er das LKW-nahe Gewicht von 3,4 Tonnen. Mit einer Karosseriebreite von exakt 2 Metern ohne Außenspiegel scheidet die linke Autobahnspur komplett aus. Ergonomischer Quatsch bleibt das viereckige Lenkrad: Beim Umgreifen im Kreisverkehr rutschen die Hände ins Leere, ohne dass die eckige Form irgendeinen greifbaren Nutzen bringt.
Software-Totalausfall: Wenn der 116.900-Euro-Schlitten den Fahrer aussperrt
Vollends absurd wird das Gesamtpaket bei der Bordelektronik. Völlig unberechenbar stellte das System während der Fahrt die Geschwindigkeitsanzeige von km/h auf Meilen um und lotste im Navi plötzlich mit Fuß-Angaben. Mehrfach kippte der rechte Außenspiegel beim Anfahren selbstständig nach unten, was sich mangels Schaltern nur umständlich über Touchscreen-Untermenüs und Lenkradtasten richten ließ. Sogar das Handschuhfach öffnet ausschließlich digital per Display.
Dazu kamen ein im Minutentakt abbrechender DAB-Radioempfang, Fehlalarme der Fahrerüberwachung und Tempolimit-Warntöne, die trotz Deaktivierung munter weiterpiepten. Die Krönung folgte beim Dreh: Der Gravity verriegelte sich selbstständig, während Fahrzeugschlüssel, Smartphone und Equipment im Innenraum lagen. Ein Software-Update vom Juni 2026 sollte dieses Problem eigentlich beheben, verhinderte die Aussperrung jedoch nicht. Erst nach langem Ausharren in der Hotline konnte der Kundenservice die Türen per Fernwartung öffnen. Wer im Funkloch steht, hat Pech gehabt.
Für deutsche Käufer ist das ein klares Warnsignal. Das Servicenetz gleicht einem Flickenteppich aus mobilen Technikern mit Vorlaufzeiten; echte Werkstätten gibt es kaum. Zwischen Hannover und Frankfurt klafft ein riesiges Loch, Regionen wie Kassel oder Leipzig stehen komplett ohne Betreuung da. Eine Garantie von mageren 4 Jahren oder 80.000 Kilometern schafft in dieser Preisklasse null Vertrauen. Bei einem Basispreis von 116.900 Euro und knapp 150.000 Euro mit Extras ist dieses unfertige Produkt schlicht nicht vermittelbar. Ein Mercedes EQS SUV, der Lotus Eletre oder ein BMW i5 sind spürbar günstiger, meilenweit ausgereifter und lassen ihren Besitzer nicht hilflos vor der verriegelten Autotür stehen.
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