VW-Konzern: Elektro-Boom in Europa kaschiert globales Minus

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Quelle: Volkswagen AG
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Auf der einen Seite jubelt der Volkswagen-Konzern über explodierende Bestellungen für Stromer in Europa und feiert volle Auftragsbücher. Auf der anderen Seite offenbart das weltweite Zahlenwerk ein handfestes Desaster, das den gesamten Konzern ins Wanken bringen könnte. Wer die PR-Phrasen beiseiteschiebt, sieht sofort: VW fährt mit Vollgas in eine gefährliche Zweiteilung.

Europa dreht auf: Stromer erobern den Auftragsbestand

Auf dem europäischen Heimatmarkt scheint der Schalter bei den Elektroautos endlich umgelegt zu sein. Satte 40 Prozent des gesamten europäischen Auftragsbestands entfallen bei Volkswagen mittlerweile auf rein batterieelektrische Modelle. Im dritten Quartal 2026 kletterten die Auslieferungen von BEVs auf dem Heimatkontinent um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Noch brachialer fällt der Sprung bei den Neubestellungen aus: Die Auftragseingänge für E-Autos schossen um mehr als die Hälfte nach oben, während sich das gesamte Auftragsvolumen im Vorjahresvergleich um 60 Prozent vergrößerte. Von Januar bis September war jedes fünfte in Europa ausgelieferte Auto ein reiner Stromer – das sind gut 586.000 Einheiten von insgesamt rund 2,96 Millionen Fahrzeugen.

Günstige Kleinwagen retten den Absatz

Der Grund für diesen Run ist schnell ausgemacht: Es sind nicht die teuren Oberklasse-Schiffe, sondern die angekündigten Einstiegsmodelle, die den Kunden das Geld aus der Tasche ziehen. Für das kompakte Quartett aus VW ID. Polo, ID. Cross, Skoda Epiq und Cupra Raval liegen bereits knapp 150.000 Vorbestellungen vor. Dass dieser Ansturm auf günstige Elektro-Kleinwagen gleichzeitig als Lebensversicherung gegen drohende CO2-Flottenstrafen der EU dient, liegt auf der Hand.

Wie groß der Hunger nach bezahlbaren oder sportlichen Kompakten ist, zeigt auch das enorme Interesse, das der jüngst gestartete Vorverkauf des VW ID. Polo GTI ausgelöst hat. Manche Modellvarianten der MEB-Entry-Reihe sind bei den Händlern bereits auf ein bis zwei Jahre ausverkauft.

Der gefährliche Haken an vollen Auftragsbüchern

Doch genau hier beginnt das Problem: Vorbestellungen zahlen keine Rechnungen. Ein prall gefüllter Auftragsbestand ist eine schöne Momentaufnahme, aber kein fertiges Auto auf der Straße. Wenn die neuen Plattformen in Werken wie Martorell erst mit Anlaufschwierigkeiten hochfahren, müssen Vorbesteller monatelang vertröstet werden. Dieser zeitliche Versatz nervt nicht nur wartende Käufer, sondern blockiert bares Geld, das VW gerade jetzt an allen Ecken und Enden benötigt.

Das globale Debakel: Amerika und China ziehen den Stecker

Wer den Blick über die europäischen Grenzen hinaus richtet, dem vergeht das Jubeln schlagartig. Weltweit sackten die Auslieferungen des Gesamtkonzerns im dritten Quartal um 14,3 Prozent auf 1,89 Millionen Fahrzeuge ab. Betrachtet man die ersten neun Monate des Jahres, steht ein Minus von 9,0 Prozent – das sind knapp 600.000 Fahrzeuge weniger als im Vorjahreszeitraum bei gut 6 Millionen ausgelieferten Autos.

Absturz in den USA und Preiskampf in China

In den USA erlebt Wolfsburg derzeit ein regelrechtes Debakel. Die Auslieferungen reiner Elektroautos brachen im dritten Quartal um absurde 86,4 Prozent ein, über das Neunmonatsfenster hinweg liegt das US-Minus bei fast 80 Prozent.

Nicht viel besser sieht es auf dem wichtigsten Einzelmarkt aus: In China gingen die Gesamtauslieferungen im dritten Quartal um 38,5 Prozent auf knapp 406.000 Fahrzeuge zurück. Über die ersten neun Monate summiert sich der Rückgang dort auf 30,2 Prozent (1,38 Millionen Einheiten). Bei reinen Stromern verlor VW in China im dritten Quartal 30,1 Prozent. Lokale Giganten wie BYD zerlegen die bisherige Vormachtstellung der deutschen Autobauer mit einem unbarmherzigen Preiskampf, während die schwierige Aufholjagd auf dem chinesischen Markt viel zu zäh anläuft.

Range-Extender als Notnagel

Den einzigen Strohhalm in Fernost bildeten elektrifizierte Mischformen. Rechnet man Plug-in-Hybride und Modelle mit Range Extender ein, legte der Konzern in China im dritten Quartal immerhin um rund 30 Prozent zu. Weltweit stiegen diese Antriebe um 23 Prozent. Das ist zwar eine willkommene Schadensbegrenzung für die Statistik, zeigt aber die bittere Wahrheit: Wo VW keine Verbrenner-Unterstützung an Bord hat, greift die chinesische Kundschaft inzwischen lieber zu heimischen Marken.

Marken-Check: Skoda trotzt der Krise, Premium kollabiert

Die Zerrissenheit spiegelt sich auch tief in den einzelnen Konzernmarken wider. Ausgerechnet die margenstarken Renditeträger stürzen ab, während das tschechische Arbeitstier den Laden zusammenhält.

Mladá Boleslav liefert ab

Die Marke Skoda erweist sich als verlässlicher Fels in der Brandung. Mit 256.700 Auslieferungen hielten sich die Tschechen im dritten Quartal stabil und federten den Abwärtstrend der Volumengruppe spürbar ab. Prag beweist schlichtweg das bessere Gespür für funktionierende Technik ohne überflüssigen Schnickschnack.

Alarmstimmung bei Audi und Porsche

Im Luxus- und Premiumsegment brennt dagegen der Dachstuhl. Die Kernmarke VW Pkw verlor im dritten Quartal 19,3 Prozent (gut 946.000 Fahrzeuge). Noch dramatischer trifft es die Renditebringer: Audi sackte um 19,7 Prozent auf knapp 315.000 Autos ab, und Porsche büßte 15 Prozent auf etwas mehr als 56.000 Fahrzeuge ein.

Über den gesamten Konzern hinweg sanken die weltweiten BEV-Auslieferungen im dritten Quartal um 4,7 Prozent auf gut 240.000 Einheiten. Nach neun Monaten stehen 678.700 Einheiten und ein Minus von 5,4 Prozent bei den reinen E-Autos auf der Uhr – und das in einer Phase, in der Elektroantriebe eigentlich zweistellig wachsen müssten.

Wolfsburgs gefährlicher Tanz auf der Rasierklinge

Die Erzählung von der gelungenen Wende ist reines Wunschdenken. Zwar beweisen die knapp 150.000 Vorbestellungen für die ID.-Polo-Klasse, dass kompakte, bezahlbare E-Autos genau das richtige Produkt für Europa sind. Doch ein zweistelliger Einbruch auf den Weltmärkten lässt sich nicht mit Vorverträgen kompensieren.

Volkswagen muss die neuen MEB-Entry-Modelle ohne Qualitätsmängel und Verzögerungen vom Band bringen. Jeder Monat, in dem Kunden auf ihre Fahrzeuge warten müssen, frisst Liquidität und schenkt der Konkurrenz wertvollen Raum. Die nächsten Quartale werden zeigen, ob Blume und sein Vorstand den Spagat schaffen – oder ob der europäische Vorbestell-Hype schlicht zu spät kommt.

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