Renault E-Space: Elektro-Van beendet den SUV-Kompromiss

Der Pariser Autosalon 2026 liefert endlich den automobilen Gegenentwurf, auf den genervte Familien seit Jahren warten: Renault zeigt das E-Space Concept. Jahrelang haben uns Hersteller weisgemacht, dass aufgebockte Pseudo-Offroader mit winzigen Kofferräumen und schrägen Heckklappen der Gipfel der Familientauglichkeit seien. Jetzt holen die Franzosen ihre Van-Ikone aus der SUV-Gefangenschaft zurück. Eine überfällige Ansage gegen den Einheitsbrei auf unseren Straßen.
Ein Blick zurück entlarvt den Irrweg der Branche. Im Jahr 1984 begründete der Ur-Espace das europäische Van-Segment und stellte konsequent den Nutzwert für Menschen ins Zentrum. Zuletzt degradierte Renault das historische Typenschild zur bloßen Langversion des Austral – ein fauler Kompromiss mit mäßiger dritter Sitzreihe und verschenkter Raumökonomie. Bereits vor wenigen Tagen zeichnete sich ab, als Renault das E-Space Concept erstmals andeutete, dass die Franzosen wieder ernsthaft über echte Raumarchitektur nachdenken.
Wohnzimmer auf Rädern statt unpraktischer Lifestyle-Bürzel
Die Studie beweist eindrucksvoll, was reine Elektro-Plattformen ermöglichen, wenn Designer nicht krampfhaft Geländewagen imitieren. Mit 4,70 Metern Außenlänge, 2,02 Metern Breite und 1,67 Metern Höhe duckt sich der Van überraschend flach auf den Asphalt. Mächtige 23-Zoll-Räder wandern extrem weit nach außen an die Fahrzeugecken. Die Windschutzscheibe geht nahtlos in die extrem kurze Fronthaube über – das markante TGV-Profil des Ur-Modells feiert hier sein Comeback. Große Glasflächen, eine tief liegende Gürtellinie und Anleihen an die minimalistische Architektur des Farnsworth House fluten die Kabine mit Tageslicht, statt Insassen hinter dicken Blechwänden einzusperren.
Gegenläufig öffnende Türen geben einen Einstieg komplett ohne störende B-Säule frei. Auf dem durchgehend ebenen Fahrzeugboden stehen sechs Einzelsitze, deren skulpturale Schalen an Möbelklassiker von Pierre Paulin erinnern. Die beiden Sessel der zweiten Reihe lassen sich um 180 Grad rotieren. Zusammen mit Reihe drei entsteht so eine Lounge-Vierergruppe, an deren Klapptischen zwei 12,3-Zoll-Bildschirme montiert sind. Wer die mittlere Reihe komplett flachlegt, baut sich im Handumdrehen einen riesigen Tisch für die hinterste Sitzreihe.
Auf einer Schiene gleitet eine ferngesteuerte Mittelkonsole durch das Fahrzeug. Darin integriert: Ein Luftreiniger, ein kleiner Kühlschrank und ein analoges „Vier gewinnt“-Spiel. Auch bei den Materialien wählt Renault einen unkonventionellen Weg. Statt sterilem Kunstleder oder Holzimitat dominieren gefärbtes Stroh, biobasierte Kunststoffe, ein 3 Zentimeter dicker Teppich aus reiner Wolle und ein Innenraumlack mit 18 Prozent biobasiertem Harzanteil. Selbst das Lenkrad nutzt Bezüge aus Bio-Baumwolle und Rizinusöl, während die Michelin-Reifen zu 19 Prozent auf Naturkautschuk setzen.

OpenR Panorama: Das Cockpit-Brett kommt direkt in Serie
Hinter dem Lenkrad verabschiedet sich Renault vom gewohnten Armaturenbrett. Über die gesamte Breite spannt sich das gebogene OpenR Panorama Display, das 1.130 Millimeter in der Breite und 110 Millimeter in der Höhe misst. Der Clou: Der Bildschirm ist bewusst kein Touchscreen, sondern liegt reflexionsarm und ergonomisch direkt an der unteren Sichtkante der Scheibe. Auf der Beifahrerseite schwebt das Display frei im Raum, was für spürbaren Raumgewinn sorgt.
Bedient wird das System über zwei Bildschirme auf einem röhrenförmigen Sockel an der Lenksäule. Beim Lenkrad selbst trennt Renault die mechanische Verbindung zu den Rädern: Dank Steer-by-Wire werden Lenkbefehle rein elektronisch verarbeitet. Dieses Bedienkonzept ist kein reiner Messegag für Paris. Renault bestätigte bereits offiziell, dass das OpenR-Panorama-Display in kommenden Serienmodellen debütiert – angefangen bei den nächsten Generationen des Rafale und des kompakten Familien-Stromers Renault Scenic E-Tech.
Der Technologietransfer folgt einer logischen Arbeitsteilung im Konzern. Während Renault im Volumensegment bei Modellen wie dem Renault Megane E-Tech auf LFP-Akkus setzt, um den Einstiegspreis endlich bezahlbar zu gestalten, testet der E-Space die künftige Oberklasse-Ergonomie.
Absurde Leerstelle: Keine Silbe zu Akku, Reichweite und Ladekurve
Trotz aller Begeisterung für das geniale Raumkonzept leistet sich Renault einen spürbaren Dämpfer. Zu den harten Fakten des Elektroantriebs schweigen die Franzosen in Paris beharrlich. Weder Akkukapazität in Kilowattstunden noch Motorleistung, Ladeleistung oder Reichweite werden genannt. Wer wissen will, wie weit die Großraumlimousine im Alltag rollt oder wie zügig sie am Schnelllader Strom fasst, bleibt im Dunkeln. Zudem stellt Renault klar: Eine Serienfertigung des Fahrzeugs ist derzeit nicht geplant.
Das ist eine verpasste Chance. Renault pumpt zwar im Rahmen seiner Milliarden-Offensive für europäische Elektroautos enormes Kapital in neue Modelle, traut sich an den echten Van aber noch nicht heran. Dabei zeigt der E-Space exakt die Qualitäten, die dem Markt fehlen: Funktionale Raumökonomie statt unübersichtlicher Karosseriepanzer.
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