VW ID. Tiguan: Tasten-Revival kaschiert bekannte MEB-Ladeschwäche

Wer auf die offizielle Weltpremiere des VW ID. Tiguan geblickt hat, erlebte eine faustdicke Überraschung in der Wolfsburger Modellpolitik. Volkswagen streicht die Bezeichnungen ID.4 sowie ID.5 ersatzlos aus dem Programm und verpasst dem elektrischen Kompakt-SUV das Label seines weltweiten Bestsellers.
Ein kluger Schachzug für die Wahrnehmung, denn das Fahrzeug repariert genau die Ergonomie-Patzer, unter denen Kundinnen und Kunden seit Jahren gelitten haben. Doch unter dem scharf gezeichneten Blechkleid zeigt der Datenblatt-Vergleich, dass die technische Architektur nicht frei von Altlasten ist.
Haptische Tasten und Beifahrerdisplay stoppen die Slider-Kritik
Optisch unterscheidet sich der in Emden gefertigte Stromer radikal von der rundgelutschten Crossover-Form des Vorgängers. Die aufrechte Frontpartie, straffere Linien und klassische Bügel-Türgriffe drücken den $c_W$-Wert überraschend von 0,27 auf 0,26. Viel entscheidender ist jedoch die Radikalkur im Innenraum: Wolfsburg wirft die Touchflächen am Lenkrad komplett über Bord und verbaut wieder physische Tasten. Auch die Steuerung der Klimaanlage wandert auf eine eigene haptische Leiste in der Mittelkonsole. So korrigiert Wolfsburg die emotionale Kälte des Vorgängers mit echter Haptik.

Die Cockpit-Landschaft kombiniert das 10-Zoll-Digital-Cockpit mit einem 15-Zoll-Zentralscreen. Optional verbaut VW erstmals in Europa ein 12-Zoll-Beifahrerdisplay mit integriertem Sichtschutz, damit Fahrende nicht abgelenkt werden. Wer Nostalgie schätzt, ruft per Knopfdruck Retro-Anzeigen im Look des Golf IV oder Käfer auf. Mit 534 Litern Kofferraumvolumen, bis zu 1.577 Litern bei umgeklappter Rückbank und einem 32-Liter-Frunk unter der Fronthaube gewinnt der ID. Tiguan spürbar an Nutzwert für den Alltag.
LFP-Akku drückt Einstiegspreis, aber Schnellladen bleibt schwach
Der Vorverkauf startet am 13. Oktober 2026 zu Preisen ab 42.695 Euro für die Ausstattungslinie Trend. In der Basis werkelt ein 140 kW (190 PS) starker Heckmotor (APP350), der an einen 58-kWh-LFP-Akku gekoppelt ist. VW nutzt hier die schrittweise Umstellung der MEB-Plattform auf LFP-Zellen, um trotz erweiterter Serienausstattung konkurrenzfähig zu bleiben. Die Basis beschleunigt in 8,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h, erreicht 160 km/h Spitze und kommt bis zu 450 km weit. Die maximale Ladeleistung fällt mit 105 kW DC am Schnelllader jedoch bescheiden aus.

Für Vielfahrer stehen zwei Varianten mit 77-kWh-NMC-Batterie bereit: der Hecktriebler mit 210 kW (286 PS) für bis zu 600 km Reichweite sowie der Allradler mit 220 kW (299 PS) für maximal 560 km. Trotz der verfrühten Rente für ID.4 und ID.5 leidet das Flaggschiff an bekannten Grenzen: Bei maximal 165 kW Ladeleistung vergehen von 10 auf 80 Prozent volle 29 Minuten. Während fernöstliche Konkurrenten mit 800-Volt-Technik Ladezeiten von unter 20 Minuten markieren, bleibt die altbekannte Technologielücke beim Schnellladen das Nadelöhr auf Urlaubsfahrten.
Serienmäßiges One-Pedal-Driving und 2,0 Tonnen Anhängelast
Die Markteinführung erfolgt Anfang 2027. Neben den Linien Trend, Life und Style bietet VW die sportliche R-Line an, die auf 20-Zoll-Rädern rollt und Akzente im Farbton Nightchrome setzt, antriebsseitig aber identisch bleibt. Technisch rüstet VW kräftig auf: Serienmäßig zieht endlich echtes One-Pedal-Driving bis zum Stillstand ein. Zwei induktive Ladeschalen halten Smartphones nach dem Qi2-Standard magnetisch fest, während der optionale Connected Travel Assist das Fahrzeug automatisch an roten Ampeln stoppt.
Mit bis zu 2.000 kg Anhängelast (90 kg Stützlast) bei den 77-kWh-Modellen verteidigt der Stromer seine Qualitäten als Zugfahrzeug. Der optionale PowerSocket-Adapter verwandelt den Ladeanschluss zudem in eine Vehicle-to-Load-Steckdose für E-Bikes oder Camping-Geräte. Volkswagen liefert mit dem ID. Tiguan ein durchdachtes, haptisch überlegenes Gesamtpaket ab, verlangt an der Schnellladesäule aber nach wie vor Langmut.
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