Volkswagen: Warum Porsche und Bentley den Verbrenner retten

Werner Tietz hat gerade laut ausgesprochen, was viele in der Branche längst dachten, sich aber nicht trauten offen zu sagen: Der Verbrennungsmotor stirbt nicht flächendeckend – er zieht um. Der VW-Entwicklungsvorstand hat gegenüber Auto Motor und Sport klargestellt, dass Verbrenner im Premium- und Luxussegment weiterhin eine feste Zukunft haben. Das ist keine Randnotiz, das ist eine faktische Kurskorrektur nach Jahren, in denen „alles wird elektrisch“ die einzige erlaubte Ansage war.
Der Denkfehler der reinen Elektro-Doktrin
Die Logik dahinter ist bestechend simpel, wurde aber lange ignoriert: Ein Bentley Continental GT ohne satten V8-Sound ist kein Bentley mehr, sondern ein sehr teures Elektroauto mit Emblem. Gleiches gilt für Lamborghini, deren Fahrzeuge sich über das V10- oder V12-Erlebnis definieren, nicht über Reichweite oder Ladezeit. Diese Marken leben von Emotion, nicht von Effizienz-Kennzahlen – und genau deshalb hat der Verbrenner hier noch Jahre, vielleicht Jahrzehnte vor sich.
Interessant wird es, wenn man sich anschaut, wie Porsche das Problem bereits technisch angeht: Der Konzern investiert seit Jahren in synthetische Kraftstoffe (eFuels) über die Beteiligung an HIF Global, inklusive einer Pilotanlage in Punta Arenas, Chile. Die Idee dahinter: Bestehende Verbrenner klimaneutral weiterbetreiben, ohne die komplette Antriebsarchitektur über Bord zu werfen. Das ist auch der Grund, warum die EU 2023 auf Druck Deutschlands eine Ausnahmeregelung für eFuels ins Verbrenner-Verbot ab 2035 reinverhandelt hat – Verbrenner bleiben rechtlich möglich, wenn sie CO2-neutral betankt werden.
Europa spaltet sich brutal in zwei Welten
Während oben im Preisgefüge der Verbrenner überlebt, sieht die Realität im Volumensegment komplett anders aus. Tietz rechnet hier mit einem spürbaren Rückgang klassischer Antriebe – und die Zahlen untermauern das: E-Auto-Bestellungen sind europaweit um 50 Prozent gestiegen, mittlerweile ist fast jede dritte Order ein Elektrofahrzeug. Volkswagen hat entsprechend reagiert und sein Verbrenner-Portfolio in den vergangenen Jahren bereits spürbar ausgedünnt.
Das ist ökonomisch nachvollziehbar: Bei einem Golf oder Polo entscheidet der Preis pro Kilometer, nicht der Motorsound. Wenn ein ID.3 vergleichbare Kosten bei weniger Tank- beziehungsweise Ladestress bietet, kippt die Kaufentscheidung. Volumen und Emotion folgen komplett unterschiedlichen Kaufmotiven – deshalb ergibt eine einheitliche globale Antriebsstrategie für einen Konzern mit derart diversem Markenportfolio ohnehin keinen Sinn.
Der Blick über den europäischen Tellerrand
Noch spannender wird die Aussage von Tietz im internationalen Vergleich. China bewegt sich nach seinen Angaben klar Richtung reiner Elektromobilität und Range-Extender-Fahrzeugen (Verbrenner arbeitet dort nur noch als Generator für die Batterie, treibt die Räder nicht direkt an). Die USA dagegen bleiben laut Tietz strukturell stärker an Plug-in-Hybride und klassische Verbrenner gebunden – ein Markt, in dem große SUVs und Pick-ups mit V8-Motoren nach wie vor tief in der Kaufkultur verankert sind.
Das zeigt: Eine globale „One-Size-Fits-All“-Antriebsstrategie wäre wirtschaftlicher Unsinn. Tietz‘ Satz „Entscheidend bleibt die Kundenperspektive“ ist kein PR-Blabla, sondern schlicht die einzig vernünftige Antwort auf einen Weltmarkt, der in Sachen Antriebspräferenz komplett auseinanderdriftet.
Was das für Käufer wirklich bedeutet
Wer sich einen Kompaktwagen oder Kombi im Volumensegment holen will, sollte sich langfristig auf ein schrumpfendes Verbrenner-Angebot einstellen – die Zahlen bei VW sprechen eine klare Sprache. Wer dagegen von einem Porsche, Bentley oder vergleichbaren Ikonen-Modell mit klassischem Antrieb träumt, kann relativ entspannt bleiben. Diese Fahrzeuge verschwinden nicht über Nacht, sie werden höchstens teurer, weil eFuels aktuell noch keine Massenware sind.
Die eigentliche Erkenntnis aus Tietz‘ Aussagen: Volkswagen fährt keine einheitliche Elektro-Strategie mehr, sondern eine explizit segmentierte. Das ist ehrlicher als die bisherige Kommunikation vieler Hersteller – und vermutlich auch die einzige Strategie, die angesichts der realen Nachfrageunterschiede überhaupt funktionieren kann.
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