Xring O3: Xiaomi entlarvt Qualcomms größte Schwachstelle

5.228.014 Punkte. Keine Rundung, keine Marketing-Schätzung – die exakte Zahl, mit der Xiaomi gerade als erster Hersteller überhaupt die Fünf-Millionen-Grenze im AnTuTu V11-Benchmark durchbricht. Der Xring O3 ist da, und er stellt eine unbequeme Frage: Braucht Xiaomi Qualcomm überhaupt noch?
Die Zahlen, die wehtun – vor allem Qualcomm
Fangen wir mit dem an, was zählt: Geekbench 6.5 misst 3.945 Punkte im Single-Core und 15.221 im Multi-Core. Der Single-Core-Wert liegt auf Augenhöhe mit Apples A19 Pro und dem Snapdragon 8 Elite Gen 5. Beim Multi-Core-Wert wird es unfair: Apples A19 Pro ist da nicht mal in der Nähe. Kein Snapdragon, kein Dimensity, kein Bionic-Chip kommt aktuell auf diesen Wert.
Das ist kein homöopathisches Update. Xiaomi selbst spricht von 31 Prozent mehr Single-Core- und 61 Prozent mehr Multi-Core-Leistung gegenüber dem Vorgänger Xring O1. Ob man diesen Sprung in einem einzigen Jahr wirklich braucht? Bei Xiaomis Ambitionen ganz offensichtlich schon.
Wichtiger Disclaimer, den kaum einer schreibt
Hier muss Ehrlichkeit rein, statt PR-Nacherzählung: Jede einzelne dieser Zahlen stammt direkt von Xiaomis eigenen Briefing-Folien. Unabhängig getestet wurde bislang nichts an einem Retail-Gerät. Chip-Hersteller optimieren Referenzboards gerne für den perfekten Benchmark-Lauf – Kühlung ohne Gehäuse, kein Software-Overhead, keine Akku-Drossel. Bis die ersten China-Reviewer ein fertiges Xiaomi 18 Fold zerlegen, bleiben die Traumwerte mit einem dicken Fragezeichen versehen.
Der eigentliche Clou steckt nicht im Balken, sondern im Verbrauch
Wer nur auf die Balkenlänge starrt, verpasst die interessantere Geschichte. Bei identischer elektrischer Leistungsaufnahme von 10 Watt schafft der Xring O3 fast 13.000 Geekbench-Punkte – Mediateks Dimensity 9500 kommt bei gleichem Energiebudget nur auf knapp 10.000. Beide Chips laufen auf derselben TSMC-N3P-Fertigung. Das heißt: Der Effizienzvorsprung kommt nicht aus besserer Chipfertigung, sondern aus besserem Chip-Design – Cache-Architektur, Power-Delivery, Taktkurven. Genau da trennt sich seriöse Ingenieursarbeit von reinem Silizium-Glück.
Untermauert wird das durch die Speicherhierarchie: 12 MB CPU-L2-Cache, 16 MB geteilter L3-Cache und 16 MB System-Level-Cache, dazu weitere 16 MB für GPU und NPU – macht in Summe 60 MB an zentraler Cache-Kapazität. Weniger Zugriffe auf den langsameren, stromhungrigeren Arbeitsspeicher bedeuten spürbar weniger Verbrauch im Alltag – nicht nur im Balkendiagramm.
Warum Xiaomi bei 3 Nanometer bleibt, während alle anderen auf 2 wechseln
Der eigentliche Aufreger für Branchenkenner: Apple, Qualcomm und Mediatek dürften bei ihren nächsten Generationen auf TSMCs neuen 2-Nanometer-Prozess wechseln – Xiaomi bleibt beim 3-Nanometer-Node N3P. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Rückschritt. Tatsächlich zeigt der Xring O3, dass ein cleveres Design den Node-Nachteil zumindest teilweise wettmachen kann.
Der wahrscheinlichere Grund für den Verzicht: 2-Nanometer-Kapazitäten bei TSMC sind knapp und teuer, Apple und AMD haben sich die besten Slots bereits gesichert. Zusätzlich könnten geopolitische Spannungen zwischen den USA und China eine Rolle spielen – 2025 hatten chinesische Firmen zeitweise keinen Zugriff auf aktuelle Chipdesign-Tools. Das ist keine freie Entscheidung aus Überzeugung, sondern eine erzwungene Strategie unter geopolitischem Druck. Und genau das macht die Leistung des Xring O3 umso bemerkenswerter.
Volle Kerne, keine Sparkerne – ein bewusstes Risiko
Der Xring O3 verzichtet komplett auf klassische Effizienzkerne und setzt auf eine reine All-Big-Core-Architektur: zwei C1-Ultra-Kerne mit bis zu 4,35 GHz, vier C1-Premium-Kerne mit bis zu 3,68 GHz und vier C1-Pro-Kerne mit bis zu 3,15 GHz. Zehn kräftige Kerne statt eines Mixes aus großen und sparsamen – das bringt Rohleistung, aber auch mehr Abwärme unter Volllast. Ob das Kühlsystem eines Foldables mit seinem naturgemäß begrenzten Bauraum das dauerhaft wegsteckt, ist die eigentliche Bewährungsprobe – nicht der Benchmark-Lauf im klimatisierten Testlabor.
LPDDR6: Die Weltpremiere, die in den Schlagzeilen untergeht
Fast im Rauschen der AnTuTu-Zahl verschwindet die eigentliche technische Sensation: Der Xring O3 ist der erste mobile Prozessor überhaupt mit Unterstützung für LPDDR6-Speicher, mit einer Bandbreite von bis zu 113,8 GB/s. Das ist kein Nischen-Detail für Techniker. Mehr Bandbreite bedeutet spürbar flüssigeres Multitasking, schnelleres Laden großer KI-Modelle direkt auf dem Gerät und weniger Ruckler bei High-End-Gaming mit Raytracing.
Auf der Grafikseite legt der neue Mali-G2-Ultra-NX-GPU mit 16 Compute-Units eine um 85 Prozent höhere Leistung und 64 Prozent geringeren Stromverbrauch gegenüber dem Xring O1 hin, bei Raytracing sogar ein Plus von 182 Prozent. Zahlen dieser Größenordnung wirken fast zu gut, um wahr zu sein – was wieder zurück zum Disclaimer weiter oben führt: erst die Retail-Tests zählen.
Und jetzt die Preisfrage: Kommt das Ding überhaupt nach Deutschland?
Hier wird es ernüchternd. Xiaomi hat beim Launch-Event kein Wort über Märkte außerhalb Chinas verloren – und schon der Vorgänger Xring O1 blieb praktisch ausschließlich ein China-Produkt. Die ersten Geräte mit dem Xring O3, das Xiaomi 18 Fold und das Xiaomi Pad 9 Pro Max, starten im September zunächst in China.
Sprich: Der beeindruckendste Mobilchip des Jahres bleibt für deutsche Käufer mit hoher Wahrscheinlichkeit reine Theorie. Ob man das wirklich braucht, wenn man es eh nie kaufen kann? Für die Tech-Branche schon – als Warnschuss an Qualcomm. Für den eigenen Alltag: eher nicht.
Beeindruckend, aber mit doppeltem Boden
Der Xring O3 ist die bisher stärkste Ansage, die Xiaomi im eigenen Chip-Geschäft gemacht hat. Die Effizienzwerte sind glaubwürdig und technisch nachvollziehbar begründet, nicht nur behauptet. Trotzdem bleibt der Chip vorerst ein chinesisches Nischenprodukt – und die Benchmark-Traumwerte müssen sich erst an echten Retail-Geräten unter realer Last beweisen. Bis dahin gilt: beeindruckend, aber mit Vorbehalt.
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