Bentley Torcal: Warum die 888-PS-Eskalation nun offizielle Realität ist

Vor wenigen Wochen taten viele Beobachter die kursierenden Leistungsdaten noch als virale Internet-Fantasie ab. Seit der offiziellen Weltpremiere am 23. September 2026 in London herrscht jedoch Gewissheit: Bentley meint es ernst. Mit dem Bentley Torcal bringen die Briten nicht nur ihr erstes reines Elektro-SUV, sondern im Topmodell Torcal S schlicht das stärkste Serienfahrzeug der gesamten Firmengeschichte auf die Straße.
PPE-Basis aus Zuffenhausen: 888 PS und 400 kW Ladeleistung bestätigt
Unter der Fünf-Meter-Karosserie arbeitet die gemeinsam mit Porsche genutzte 800-Volt-PPE-Plattform (Premium Platform Electric). Bereits das Basismodell steigt mit 604 kW (821 PS) und 1.194 Nm Drehmoment ein, während der Torcal S mit 653 kW (888 PS) sowie gewaltigen 1.350 Nm antritt. Mittels Launch Control katapultiert sich der Allradler in nur 2,9 Sekunden von null auf Tempo 100 – Schluss ist erst bei abgeregelten 260 km/h.
Welche Wucht in dieser Architektur steckt, deutete bereits der Cayenne Turbo Electric mit seinen bis zu 400 kW Ladeleistung an. Der Torcal nutzt einen Lithium-Ionen-Akku mit 113 kWh nutzbarer Kapazität (192 Pouch-Zellen), der nach WLTP rund 600 Kilometer Reichweite liefern soll. Dank der 800-Volt-Technik zieht das SUV am Schnelllader mit bis zu 400 kW Gleichstrom; der Hub von 10 auf 80 Prozent gelingt unter Idealbedingungen in 16 Minuten. Doch wie sehr das Schnellladen mit 800-Volt-Systemen in der Realität von Säulentyp und Temperaturfenstern abhängt, bleibt auch für Luxuskunden die alltägliche Bewährungsprobe.
Die eigentliche Herausforderung für die Ingenieure in Crewe bestand darin, den Torcal nicht wie einen umetikettierten Porsche wirken zu lassen. Bentley verzichtet daher auf krawallige Härte und setzt auf ein eigenständiges Setup: Zweiventil-Dämpfer, adaptive Luftfederung und das aktive Fahrwerkssystem „Bentley Active Ride“, das ganz ohne starre Stabilisatoren auskommt. Zusammen mit einer mitlenkenden Hinterachse (bis zu 5 Grad Lenkwinkel) sinkt der Wendekreis des Fünf-Meter-Schiffs auf beachtliche 11,1 Meter.
Die 2,7-Tonnen-Hürde: Physik gegen Software
Längsbeschleunigung lässt sich im Elektrozeitalter vergleichsweise leicht konstruieren. Die physikalische Wahrheit trifft einen erst beim Anbremsen und Einlenken. Mit einem Leergewicht von exakt 2.700 kg wuchtet der Torcal enorme Masse auf den Asphalt – und rangiert damit auf Augenhöhe mit Schwergewichten wie dem BMW iX M60 oder dem Rolls-Royce Spectre.
Masse lässt sich durch radselektives Torque Vectoring und Software kaschieren, aber niemals wegzaubern. Wer diesen Koloss auf kurvigen Landstraßen forciert bewegt, spürt die Fliehkräfte trotz aufwendigster Wankstabilisierung. Optional bietet Bentley massive Carbon-Keramik-Bremsscheiben mit 440 mm Durchmesser an der Vorderachse an – eine Investition, die bei diesem Fahrzeuggewicht keineswegs Show ist, sondern schlicht funktionale Notwendigkeit.
Formattechnisch positioniert sich der Crossover bewusst unterhalb des riesigen Bentayga. Die Front prägt eine glatte, sensorbestückte Blende mit dem typischen Vier-Augen-LED-Gesicht und einem neu geschärften Markenlogo. Im Interieur verweigert sich Crewe dem Trend zu riesigen Displaywüsten: Echtes Furnier, Leder und gerändelte Metallregler dominieren das Cockpit. Über den gläsernen Drehregler („Curation Controller“) lässt sich zudem ein „Digital Detox“-Modus aktivieren, der alle Bildschirme auf ein Minimum dimmt. Klanglich inszeniert Bentley ein Schlagzeug-Orchester („Dynamic Symphony“), das den Rhythmus des legendären 6,75-Liter-V8 interpretiert – eine erfrischend unaufdringliche Alternative zu synthetischem Raumschiff-Gepiepe.
Rolls-Royce Spectre im Visier: Gran Turismo für Selbstfahrer
Während der elektrische Landsmann von Rolls-Royce als schwebende, völlig entkoppelte Sänfte konzipiert ist, zielt der Torcal auf das fahraktive Publikum: Ein echter Gran Turismo, der gefahren werden will.
Die Diskussionen um die ersten Leistungsdaten des Bentley Torcal haben sich mit den nun fixierten Werksangaben bestätigt. Neben der Standardversion und dem Torcal S wird zur Einführung auch eine exklusive „First Edition“ mit speziellem Stickmuster und handgefertigten Carbonfaser-Furnieren aufgelegt.
Nach der Enthüllung im September starten die ersten Kundenauslieferungen in Europa im Laufe des Jahres 2027. Mit einem geschätzten Einstiegspreis von rund 240.000 Euro hält Bentley Respektabstand zum nochmals teureren Spectre, verlangt aber einen deutlichen Aufpreis gegenüber der technischen Porsche-Konzernbasis. Crewe hat bewiesen, dass die 888 PS kein Forenmärchen waren – ob die traditionelle Kundschaft den Sprung in die reine Stromer-Ära mitgeht, entscheidet sich ab 2027 auf der Straße.
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