Leapmotor A10s: 800-Volt-Technik entlarvt den Ladezeit-Trick

Leapmotor A10s Werbung
Quelle: Leapmotor
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Ein sportliches rotes Marken-Emblem am Heck und eine vollmundig angekündigte 800-Volt-Architektur wecken bei mir sofort die Erwartung an einen echten Elektro-Sportler. Beim neuen Leapmotor A10s folgt die Ernüchterung jedoch auf dem Fuß. Statt brachialer Beschleunigung verharrt der chinesische Kompaktstromer bei braven City-Leistungen. Was auf dem Papier wie ein technologischer Meilenstein für die 4,27-Meter-Klasse wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als geschicktes Marketing-Kalkül, um eine schwächelnde Verkaufskurve vor der Premiere am 18. Oktober 2026 abzufangen.

In Europa kennen wir die Plattform bereits als B03X. Erst kürzlich hinterließ der Leapmotor B03X im Test gemischte Gefühle: Gute Karosseriestruktur und ein fairer Einstiegspreis von 25.400 Euro standen einer unausgereiften Software gegenüber. Der A10s soll nun optisch und technisch eine Schippe drauflegen.

Der Druck auf den Hersteller wächst spürbar. Zwar stützt das europäische Stellantis-Händlernetz von über 1.000 Standorten den weltweiten Rollout massiv, doch im Heimatmarkt China gerät der Motor ins Stottern.

800 Volt im Kleinwagen: Der Ladedauer-Trick im Kleingedruckten

Auf den ersten Blick wirkt die 800-Volt-Architektur im A10s wie eine Kampfansage an die etablierte Konkurrenz. Während bisher fast ausschließlich Luxusmodelle wie der Polestar 3 mit 800-Volt-Architektur auf dieses Spannungsniveau setzten, bringt Leapmotor die Technik nun in ein kompaktes City-SUV.

Die Werksangabe verspricht eine Schnellladung in 16 Minuten. Klingt spektakulär, ist aber ein mathematischer Trick. Leapmotor misst den Ladevorgang keineswegs im Branchenstandard von 10 auf 80 Prozent, sondern startet die Stoppuhr erst bei 30 Prozent. Wer sein Elektroauto im Alltag auf der Autobahn mit zehn Prozent Restladung an die Ladesäule hängt, wartet deutlich länger. Das relativiert den angeblichen Ladevorteil beträchtlich.

Technische DatenLeapmotor A10s (China-Spezifikation)
Abmessungen4.270 mm L × 1.810 mm B × 1.635 mm H (Radstand: 2.605 mm)
Motorleistung70 kW (95 PS) oder 90 kW (122 PS) Frontantrieb
Batteriekapazität39,8 kWh oder 53 kWh
Reichweite (CLTC)403 km (39,8 kWh) / 505 km (53 kWh)
Bordnetz & Laden800 Volt, 30 bis 80 % in ca. 16 Minuten
Infotainment & Chip14,6 Zoll Touchscreen (2,5K), Qualcomm Snapdragon SA8295
AssistenzsystemeDach-LiDAR, Qualcomm SA8650, Memory Parking

Bei den Akkugrößen bleibt alles vertraut: Zur Wahl stehen 39,8 kWh oder 53 kWh. Die versprochenen 403 Kilometer beziehungsweise 505 Kilometer Reichweite basieren auf dem chinesischen CLTC-Testzyklus. Dieser Messwert ist berüchtigt für seine Praxisferne. Auf europäischen Straßen dürften bei der großen Batterie kaum mehr als 330 bis 350 reale Kilometer übrig bleiben.

Rote Akzente und LiDAR-Sensor statt echter Motorleistung

Das sportliche Kürzel «S» beschränkt sich fast ausschließlich auf kosmetische Eingriffe. Die Karosserie glänzt in der Sonderfarbe «Mirror Night Black», kombiniert mit abgedunkelten Logos, einem roten Heck-Schriftzug und schwarzen 18-Zoll-Sportfelgen. Die Abmessungen bleiben mit 4.270 mm Länge, 1.810 mm Breite, 1.635 mm Höhe und 2.605 mm Radstand identisch zum Basismodell.

Unter der Haube herrscht gähnende Langeweile. Leapmotor verbaut weiterhin unverändert die bekannten E-Motoren mit 70 kW (95 PS) oder 90 kW (122 PS). Schnelle Zwischensprints oder sportliche Kurvenfahrten darf hier niemand erwarten. Es bleibt ein reines Stadt-SUV mit dynamischer Kriegsbemalung.

Im Innenraum rüstet der Hersteller dagegen digital auf. Ein 8,88-Zoll-Fahrerdisplay arbeitet Hand in Hand mit einem zentralen 14,6-Zoll-Touchscreen, der mit scharfer 2,5K-Auflösung auflöst. Für eine flüssige Bedienung sorgt Qualcomms Spitzenprozessor Snapdragon SA8295. Denselben Rechenbaustein nutzt der Hersteller bereits beim neuen Leapmotor C10 des Modelljahrs 2027, um hakelige Menüs zu unterbinden.

Auf dem Dach sitzt gut sichtbar ein LiDAR-Sensor, der zusammen mit dem Qualcomm SA8650 anspruchsvolle Fahrassistenten steuert. Neben automatisiertem Navigieren im Stadtverkehr beherrscht das System sogenanntes Memory Parking zum automatisierten Rangieren auf gelernten Parkplatzrouten. Für chinesische Großstädte ist das ein echtes Kaufargument, für Europa bliebe es vorerst teure Sensortechnik ohne rechtliche Freigabe.

Absatzkrise im Heimatmarkt zwingt Leapmotor zum Handeln

Hinter dem vorgezogenen Modell-Update steckt nackter Vertriebsdruck. Im September 2026 brach der Absatz des regulären A10 in China empfindlich ein: Mit 24.457 Auslieferungen sackten die Verkäufe um 24,1 Prozent gegenüber dem August-Rekord (32.214 Fahrzeuge) ab. Obwohl die Baureihe immer noch 23,2 Prozent aller Leapmotor-Verkäufe ausmacht und kumuliert bei 153.423 Einheiten steht, schrillen im Management die Alarmglocken.

Konzernweit lieferte Leapmotor im September zwar 105.656 Elektroautos aus und übertraf zum dritten Mal die 100.000er-Marke. Nach neun Monaten stehen jedoch 666.539 Fahrzeuge auf dem Zähler. Um das selbstgesteckte Jahresziel von einer Million Einheiten zu erreichen, müsste der Hersteller im vierten Quartal jeden Monat über 111.000 Fahrzeuge absetzen.

Der A10s soll als preiswerter Aufhänger die Showrooms füllen, ohne Entwicklungskosten zu verursachen. Ob Stellantis den sportlichen Ableger als B03X nach Europa holt, ist offen. Doch solange 800-Volt-Ladezeiten über Messfenster von 30 bis 80 Prozent geschönt werden und die Software Baustellen aufweist, bleibt der sportliche Buchstabe am Heck reine Fassade.

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