Kia EV2: Starkes Raumwunder, aber die Ladetechnik bremst

Frische Alltagserfahrungen vom YouTube-Kanal INSTADRIVE – E-Autos zum Kia EV2 in der Variante Earth Plus räumen endlich mit verklärter Hersteller-Romantik auf. Der kantige City-Stromer sieht herrlich unkonventionell aus und nutzt jeden Zentimeter seiner Grundfläche clever aus. Wer jedoch genauer hinsieht, stolpert über unnötige Ergonomie-Patzer im Cockpit, ein überraschend zähes Ladeverhalten und eine Preispolitik, die knallharte Kompromisse erzwingt.
Kompakte Maße, variabler Kofferraum und ein Alibi-Frunk
Auf 4,07 Metern Außenlänge, 1,80 Metern Breite und 1,58 Metern Höhe beweist Kia echtes Gespür für Raumökonomie. Der Radstand von 2,57 Metern schafft erstaunlich viel Beinfreiheit im Fond. Optisch erinnert die steile Heckpartie sofort an den Kia Soul. Aerodynamisch zahlt sich der Kanten-Look dennoch aus: Zusammen mit versenkten Türgriffen und einem ausgeprägten Dachspoiler steht ein cW-Wert von 0,29 auf dem Papier.
Schon im Vorfeld war klar: Wenn der Kia EV2 als kleiner Elektro-SUV vernünftig sein will, muss die Praxistauglichkeit sitzen. Unter der Fronthaube regiert allerdings Minimalismus. Der Mini-Frunk fasst winzige 10 bis 15 Liter. Das reicht passgenau für das Typ-2-Kabel. Für mehr taugt die Kunststoffschale nicht, bewahrt den Kofferraum aber immerhin vor schmutzigen Ladekabeln.
Ganz andere Qualitäten offenbart das Gepäckabteil im Heck. Der gefahrene Viersitzer schluckt bis zu 403 Liter, wenn die hinteren Einzelsitze ganz nach vorne geschoben werden. Beim Fünfsitzer schrumpft das Basisvolumen auf 362 Liter. Werden die Lehnen komplett umgelegt, wächst der Stauraum bei beiden Varianten auf beachtliche 1.200 Liter. Ein variabler doppelter Ladeboden sorgt zusätzlich für Ordnung.
Erwachsene sitzen in der zweiten Reihe überraschend entspannt. Die Rückenlehnen lassen sich per Hebel neigen, was die aufrechte Sitzposition spürbar entschärft. Als Bezug dient ab Werk grauer Stoff („Medium Grey“). Edles Leder bleibt exklusiv der teuren GT-Line vorbehalten. Dafür punktet der Fond mit echter Alltagstauglichkeit: Zwei Isofix-Halterungen, separate USB-C-Ports, ein eigener Klimaregler und eine 230-Volt-Steckdose werten die Rückbank auf.
Cockpit-Ergonomie mit Toter-Winkel-Panne und müdem Ladepeak
Hinter dem Lenkrad dominiert ein aufgeräumter, wohnlicher Stil samt Stoffbezug auf dem Armaturenbrett. Das digitale Cockpit kombiniert Fahrerinfos und Infotainment auf 12,3 Zoll Diagonale. Ein echtes Plus im Alltag: Unter dem Monitor sitzen echte physische Direktwahltasten für Home, Karte und Medien. Verspielte Details wie eine persönliche „Hello“-Smiley-Begrüßung und dezente „Have a nice day“-Schriftzüge in den Türen bringen Charakter in die Hütte.
Umso unverständlicher bleiben zwei massive Ergonomie-Schnitzer. Wer während der Fahrt die Klimaanlage über den Touchscreen justieren möchte, blickt direkt auf den verdeckenden Lenkradkranz. Noch gravierender: Das Kamerabild des Totwinkel-Assistenten poppt beim Blinken direkt im Instrumentendisplay auf. Sobald das Lenkrad für den Spurwechsel oder beim Abbiegen eingeschlagen wird, verdeckt die Hand oder die Lenkradspeiche den Monitor komplett. Zum Glück verbaut Kia für Lüftung und Temperatur darunter noch echte Tasten.
Fahrwerksseitig liefert der Südkoreaner hingegen eine reife Vorstellung ab. Bodenwellen, Schlaglöcher und Querfugen absorbiert das Fahrwerk ausgesprochen souverän. Im direkten Fahrvergleich federt der EV2 deutlich geschmeidiger als der Renault 4 mit seinem Gen 2 Evo Motor, der spürbar straffer und unruhiger abrollt. Auch die Geräuschdämmung liegt auf hohem Niveau; im Innenraum herrscht selbst bei Landstraßentempo wohltuende Ruhe.
Der Elektromotor an der Vorderachse leistet 146 PS (108 kW) und wuchtet den Wagen in 8,6 bis 8,8 Sekunden auf Tempo 100. Bei 161 km/h wird elektronisch abgeregelt. Über einen Wahlschalter stehen vier Modi zur Wahl: Normal, Sport, Snow und Eco. Das One-Pedal-Drive verzögert absolut verlässlich bis zum Stillstand. Ein praktisches Extra in engen Parklücken: Per Fahrzeugschlüssel lässt sich der EV2 von außen autonom vor- und zurückrangieren.
Auf der Langstrecke trübt die Ladeleistung das Gesamtbild. Der kleine 42-kWh-Akku reicht im Alltag für 308 bis 311 Kilometer nach WLTP. Am DC-Schnelllader zieht das System jedoch maximal 100 kW. Für den Ladehub von 10 auf 80 Prozent vergehen dadurch zähe 29 Minuten. Für eine derart kompakte Batterie ist das schlicht zu langsam. Bereits beim Kia EV3 im Duell gegen den VW ID.3 sorgte die Lade-Performance für Diskussionen. An der heimischen Wallbox oder städtischen Ladesäulen lädt der EV2 mit soliden 11 kW AC in rund viereinhalb bis fünf Stunden voll.
Preisgefüge: Billige Basis als Köder, voller Komfort geht ins Geld
Für Pendler mit längeren Strecken bietet Kia eine größere 61-kWh-Batterie an, die über 400 Kilometer Reichweite realisiert. Doch dieser Akku treibt die Kosten spürbar nach oben. Zudem unterscheidet sich die Nomenklatur je nach Markt. In Österreich schlägt der EV2 Earth Plus mit kleiner Batterie mit 35.590 Euro zu Buche, während die 61-kWh-Version auf 39.590 Euro klettert.
In Deutschland streicht Kia das „Plus“ und verkauft das Modell als Earth. Hier startet der 42-kWh-Viersitzer bei 31.740 Euro, während für den großen Akku 36.240 Euro fällig werden. Der verlockende Basispreis von 26.600 Euro für den EV2 Light (in Österreich 27.090 Euro für den Lite) erweist sich bei ehrlicher Betrachtung als Lockvogelangebot.
In der nackten Basisausstattung streicht der Rotstift essenzielle Funktionen zusammen. Weder das integrierte Navigationssystem noch der Totwinkel-Monitor, der Autobahnassistent oder die 360-Grad-Kamera sind vorhanden. Wer diese zeitgemäßen Features nutzen möchte, wird unausweichlich in die teureren Linien getrieben.
Dass die Preisspirale bei kompakten Stromern schnell eskaliert, ist kein Einzelfall: Schon beim Kia EV2 in der Black-Line wirkte der Preis völlig überzogen, wenn für ein City-Fahrzeug plötzlich über 40.000 Euro aufgerufen werden. Trotzdem bleibt das Raumkonzept des Basismodells stark. Wie bereits der Test des Kia EV2 mit viel Platz und hoher Reichweite unterstrich, bietet der Koreaner eine im Segment seltene Variabilität. Wer auf 150-kW-Schnellladung verzichten kann und nicht jede Ausstattungsoption ankreuzt, erhält ein ausgewogenes Stadtauto mit enorm hohem Nutzwert.
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