Mercedes-Benz: Der Elektro-Boom tarnt eine schmerzhafte Schwäche

Wer nur auf die offizielle Meldung aus Stuttgart schaut, sieht glänzende Augen im Vorstand. Stolze 50 Prozent mehr reine E-Autos weltweit im zweiten Quartal klingen im ersten Moment nach einer echten Ansage. Wenn ich mir jedoch die nackten Gesamtzahlen auf den Straßen anschaue, bröckelt die schicke Fassade gewaltig.
Mercedes hat ein fettes Problem im angestammten Revier. Während die Stromer-Sparte nach oben schießt, bricht das traditionelle Geschäft weg. Bei der Kernmarke Mercedes-Benz Cars gingen die Auslieferungen insgesamt um 8 Prozent nach unten.
Der Kannibalismus im eigenen Autohaus
Das Wachstum bei den Elektroautos ist überraschend hoch, hat aber eine ungemütliche Kehrseite. Mit 52.900 batterieelektrischen Fahrzeugen im Quartal gewinnt die Modelloffensive zwar an Fahrt. Doch im Alltag zeigt sich, dass der elektrische GLC oder der CLA oft schlicht den klassischen Verbrenner ersetzen.
Mercedes tauscht hier margenstarke Verbrenner gegen teuer entwickelte E-Autos ein. In Deutschland hat sich der Elektro-Anteil zwar auf knapp 24 Prozent verdoppelt. Das nützt nur wenig, wenn der Gesamtmarkt in wichtigen Segmenten schrumpft und die Käufer ausbleiben.
Der Kunde wechselt die Antriebsart, aber Mercedes gewinnt kaum neue Kunden hinzu. Das ist ein gefährliches Nullsummenspiel. Zumal die neuen Modelle in vielen Regionen erst mühsam anlaufen müssen.
Die China-Falle schnappt schmerzhaft zu
Richtig ungemütlich wird es beim Blick nach Asien. In China schmieren die Stuttgarter ab. Ein verschärfter Wettbewerb und eine verhaltene Kauflust der Kunden drücken auf die Bilanz.
Dort drüben diktieren längst lokale Tech-Konzerne das Tempo, nicht mehr das Prestige aus Deutschland. Da hilft auch der Verweis auf anstehende Modellwechsel nur bedingt weiter. Der Markt wartet nicht auf die etablierten Autobauer.
Der Plan für das zweite Halbjahr wirkt fast schon ein bisschen verzweifelt. Mercedes bringt jetzt extra lange Versionen wie den GLC L und setzt voll auf die Maybach-S-Klasse. Das zeigt den Haken an der globalen Luxus-Strategie: Bricht die reiche Elite in China weg, wackelt das gesamte Konstrukt.
Das dicke Brett bei der Software-Architektur
Spannend wird es bei der angekündigten Technik für die kommenden Monate. Mercedes will ein KI-gestütztes Cockpit und ein neues intelligentes Fahrassistenzsystem in weiten Teilen der Flotte ausrollen. Das ist der eigentliche Knackpunkt, an dem sich die Zukunft entscheidet.
Hardware und Spaltmaße können die Stuttgarter im Schlaf. Aber ein modernes Infotainmentsystem, das flüssig läuft und im Alltag wirklich clever unterstützt, war bisher nicht unbedingt die Paradedisziplin. Die Aufholjagd gegen die chinesische Software-Konkurrenz läuft unter enormem Zeitdruck.
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