VW-Konzern: Audi reißt das Ruder bei Fahrassistenten an sich
Der Volkswagen-Konzern zieht im November 2026 die Reißleine bei der Entwicklung automatisierter Fahrfunktionen. In der neu geschaffenen Einheit „OneTeam“ wandert die operative Führung für Fahrassistenzsysteme in Europa komplett zu Audi nach Ingolstadt.
Für mich ist das nach jahrelangem Stillstand die einzig logische Konsequenz. Wolfsburg beendet damit das zähe Kompetenzgerangel zwischen den einzelnen Konzernmarken und der Softwaretochter Cariad. Konzernentwicklungschef Werner Tietz stellt unmissverständlich klar, worum es geht: Audi übernimmt als Leadmarke das Kommando über Software, Ressourcen und konkrete Produktentscheidungen.
Birke führt OneTeam: Doppelrolle nach dem Aus der Bosch-Allianz
Die Führung der neuen Organisation übernimmt Manuel Birke. Seine Personalie ist ein bemerkenswerter Spagat: Birke bleibt CTO ADAS bei Cariad, berichtet künftig aber direkt an Audi-Entwicklungsvorstand Rouven Mohr sowie parallel an den Cariad-Vorstand. Auf dem Papier soll das die Entscheidungswege abkürzen. In der Praxis müssen zwei Chefs an der Spitze erst einmal beweisen, dass sie schneller liefern als bisherige Gremien.
Die Dringlichkeit für diesen radikalen Umbau ist greifbar. Erst im Sommer besiegelte das Ende der Bosch-Kooperation beim automatisierten Fahren das Scheitern einer milliardenschweren Entwicklungsallianz. Zwar nutzt VW den gemeinsam erarbeiteten Softwarestand weiter, doch der Durchbruch bei Level-2- und Level-3-Systemen blieb schlicht aus. Birkes klare Aufgabe lautet nun: Einen einheitlichen, KI-basierten ADAS-Stack schmieden, der markenübergreifend skaliert werden kann.
Cariad schrumpft zur Rumpforganisation: Der Diess-Traum ist vorbei
Für Cariad bedeutet die Neuordnung den nächsten harten Realitätscheck. Die ursprüngliche Idee von Ex-Konzernchef Herbert Diess, nahezu jeden Codeschnipsel für Millionen Autos selbst zu programmieren, ist endgültig Geschichte. Oliver Blume setzt stattdessen pragmatisch auf externe Technologie-Partnerschaften – wie Rivian in Nordamerika oder Xpeng in China.
Für die Belegschaft sind die Folgen spürbar. Von einst rund 6.500 Beschäftigten Ende 2023 schrumpfte Cariad bereits auf etwa 4.300 Mitarbeiter zusammen. Und der Schrumpfkurs geht weiter: Wie der beschlossene Cariad-Stellenabbau von 1.000 Arbeitsplätzen zeigt, bleibt künftig nur eine deutlich kleinere Einheit übrig. Cariad kümmert sich künftig vor allem um Fahrdynamik, Cloud-Dienste und Infotainment. Die eigentliche Automatisierung steuern andere.
Warum Audi? Die SSP-Plattform braucht endlich Ergebnisse
Dass Audi die Führung zugesprochen bekommt, überrascht mich nicht. Die Ingolstädter drängen seit Monaten auf mehr Autonomie beim Thema Software-Defined Vehicle (SDV). Der Druck auf den Zeitplan ist enorm: Die neue SSP-Plattform startet zuerst bei Audi, auch wenn Prestigeprojekte wie der elektrische A4 nach hinten verschoben werden mussten.
Für den gesamten Konzern ist dieser Schritt ein Hochseilakt. Einerseits erhält Audi endlich die Durchgriffskraft, die den Ingenieuren jahrelang gefehlt hat. Andererseits muss das Konstrukt aus Doppelberichterstattung und markenübergreifender Abstimmung beweisen, dass es nicht erneut in lähmender Bürokratie versackt. Für VW ist es womöglich die letzte Patrone, um bei modernen Assistenzsystemen nicht völlig den Anschluss an Tesla und die chinesischen Hersteller zu verlieren.
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