BYD Tang EV: Radikales Riesen-Cockpit ersetzt den Tacho

BYDs bekanntestes Innenraum-Markenzeichen ist Geschichte: Mit den ersten offiziellen Bildern des neuen Tang EV für das vierte Quartal 2026 beenden die Chinesen die Ära des drehbaren Zentralbildschirms. Stattdessen setzt der Hersteller auf eine völlig neu konstruierte Display-Architektur namens Giant Screen UI. Der Umbau fällt überraschend kompromisslos aus: Ein klassisches Kombiinstrument hinter dem Lenkrad existiert schlicht nicht mehr.
65,4 Zoll Display-Fläche fegen den Instrumententräger weg
Bislang setzte BYD markenübergreifend auf dieselbe Formel: Ein kleiner Info-Screen hinter dem Steuer, kombiniert mit einem Touchscreen auf der Mittelkonsole, der per Knopfdruck zwischen Hoch- und Querformat rotierte. Beim neuen Tang EV fliegt diese Mechanik komplett raus.
Direkt unterhalb der Windschutzscheibe platziert BYD stattdessen ein horizontales Remote-Cowl-Display mit 35,4 Zoll Diagonale. Dieses extrem schmale Band bündelt sämtliche fahrrelevanten Primärdaten – von Geschwindigkeit über Assistenzhinweise bis zur Routenführung. Da die Daten weit nach vorn an die Scheibenwurzel wandern, verzichtet BYD nicht nur auf das gewohnte Cockpit-Display, sondern auch auf ein klassisches Head-up-Display.
Zentral auf dem Armaturenbrett sitzt die zweite Anzeige: Ein fest montierter 30-Zoll-Panoramabildschirm, der als nahtlose Touch-Fläche bis vor den Beifahrersitz reicht. Dass Shenzhen hier so hemmungslos auf Display-Größe setzt, bricht mit bisherigen Modellpflegen: Selbst beim kürzlich vorgestellten BYD Atto 8 mit Flash Charging hielten die Entwickler noch am alten Cockpit-Stil fest.

Giant Screen UI: Desktop-Multitasking statt starrer Apps
Der Umbau zielt auf die Software. Anstelle starrer Vollbild-Menüs arbeitet die Giant Screen UI wie ein Desktop-Betriebssystem. Fahrer und Beifahrer können Navigationsfenster, Medienwidgets und Borddaten völlig frei kacheln, in der Größe skalieren und nebeneinander platzieren.
Der Beifahrer bedient auf seiner Hälfte ein eigenständiges Infotainment, ohne dem Fahrer die Kartenansicht zu blockieren. Wo frühere Cockpits wie im BYD Seal 06 mit 15,6-Zoll-Bildschirm an starren Menüpfaden litten, fungieren die 30 Zoll als dynamische Arbeitsfläche.
Gesteuert wird das Ganze über den neuen Sprachassistenten Xiao Mianbao (Kleines Brötchen). Ein animierter 3D-Avatar visualisiert Sprachbefehle direkt auf dem Schirm. Unterstützt von Innenraumkameras und gerichteten Mikrofonen erkennt das System, welcher Insasse spricht, und ordnet Befehle automatisch zu. Für den chinesischen Markt ist so ein Avatar Pflichtprogramm, für europäische Ohren und Augen bleibt die Spielfiguren-Optik gewöhnungsbedürftig.
Fünf Meter Länge, 691 PS und 5-Minuten-Ladestopp
Das neue Cockpit debütiert in der dritten Generation des Tang EV, die spürbar wächst. Mit 5.045 mm Länge legt das Elektro-SUV um 145 mm zu, der Radstand wächst um 130 mm auf 2.950 mm.
Obwohl die Karosserie problemlos Platz für drei Reihen böte, liefert BYD den Tang EV rein als Fünfsitzer aus. Das schafft im Fond satte 1.000 mm Beinfreiheit und Sitze mit einer Lehnenneigung von bis zu 130 Grad. Wer zwingend sieben Plätze benötigt, muss künftig zum rund 5,20 Meter langen Da Tang greifen. Wie zielgerichtet der Hersteller damit die automobile Oberklasse attackiert, unterstrich zuvor bereits der BYD Da Han für das Top-Segment.
Für Vortrieb sorgt wahlweise ein 300 kW Heckmotor oder ein zweimotoriger Allradantrieb mit 691 PS, der das SUV auf bis zu 250 km/h treibt. Als Energiespeicher dient eine optimierte Blade Battery, die im chinesischen CLTC-Zyklus bis zu 850 Kilometer Reichweite verspricht. Am Schnelllader setzt BYD auf Flash Charging: Der Hub von 10 auf 70 Prozent soll in gerade einmal fünf Minuten absolviert sein.
Software-Umbau entscheidet über Europa-Start
In China rollt der Tang EV im vierten Quartal 2026 an den Start. Preise und Vorverkaufstermine sind bisher offen. Unklar bleibt auch, wann die Giant Screen UI nach Europa exportiert wird.
Hier lauert die eigentliche Hürde: Während Chinas Käuferschicht auf verspielte Assistenten und geschlossene Plattformen schwört, verlangt der europäische Markt eine saubere Anbindung via Apple CarPlay und Android Auto. Bislang überzeugten die Chinesen hierzulande vor allem über günstige Plug-in-Modelle, wie der BYD Privatkunden-Rekord in Deutschland eindrucksvoll belegt hat.
Das Ende des drehbaren Monitors war überfällig – im Alltag war die manuelle Rotation mehr Gimmick als echter Mehrwert. Ob das Verfrachten aller Fahrdaten an die Frontscheibe und das radikale Streichen des Tachos bei Tempo 200 auf der Autobahn tatsächlich ergonomisch überzeugt, wird sich erst im Praxistest beweisen müssen.
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