China-Automarkt: Chinesische E-Autos verdrängen VW & Co.

Beim Blick auf die aktuellen Zulassungsdaten aus Fernost wird das Ausmaß der Krise ungeschminkt sichtbar. Neun der zehn meistverkauften Modelle sind reine Elektroautos. Ganz oben stehen Geely, Leapmotor und Tesla, während VW mit dem Lavida nur noch auf Platz 16 landet. Das ist kein kleiner Ausreißer mehr, sondern sieht nach einer Verschiebung aus, die den Markt dauerhaft verändern dürfte.
Die Top 10 sprechen eine ziemlich klare Sprache
Der August 2026 liefert ein Bild, das für die klassischen westlichen Hersteller unangenehm ist. Auf Platz eins landet der Geely EX2 mit 39.651 Verkäufen, gefolgt vom Leapmotor A10 mit 30.652 Einheiten und dem Tesla Model Y mit 29.260 Fahrzeugen. Dahinter folgen der Fang Cheng Bao Ti7, der BYD Atto 2, das Tesla Model 3, der Changan Nevo Q05, der Li Auto i6, der BYD Dolphin und der Xiaomi SU7.
Auffällig ist nicht nur, welche Marken dort stehen, sondern welche Antriebstechnik sie verkaufen. Der Fang Cheng Bao Ti7 ist der einzige Top-10-Vertreter mit BEV- und PHEV-Version; die übrigen neun Modelle sind reine Batterieautos. Das ist inzwischen ein ziemlich deutlicher Fingerzeig auf das chinesische Kundeninteresse. Der erste klassische Verbrenner taucht erst auf Rang 13 mit dem Toyota Corolla Cross auf.
Für Volkswagen ist die Entwicklung besonders bitter. Der VW Lavida kam im August auf 14.226 Fahrzeuge, lag damit nur noch auf Platz 16 und verlor gegenüber August 2025 41,5 Prozent. Im Zeitraum Januar bis August stehen 127.673 Verkäufe zu Buche, ein Minus von 30,7 Prozent. Der einstige chinesische Volumenklassiker ist damit längst nicht mehr der Selbstläufer früherer Jahre.
Und genau hier liegt das Problem der internationalen Hersteller: Sie verlieren nicht einfach nur einzelne Baureihen. Ihnen fehlen in den entscheidenden Volumensegmenten Elektroautos, die preislich, technisch und beim Entwicklungstempo mit den chinesischen Angeboten mithalten können. Geely greift mit kleinen und günstigen Stromern an, Leapmotor setzt auf aggressive Preise, BYD besetzt fast jede relevante Klasse und Xiaomi verbindet Auto, Software und Elektronik zu einem Produkt, das in China bereits eine enorme Sichtbarkeit erreicht hat.
Volkswagen erkennt das Problem – nur ziemlich spät
Ganz abgeschrieben ist VW in China deshalb nicht. Im gesamten chinesischen Pkw-Markt lag FAW-Volkswagen im August 2026 sogar noch auf Platz sechs mit 77.872 Fahrzeugen, allerdings bei einem Rückgang von 35,8 Prozent zum Vorjahr. Das Problem ist also weniger die komplette Abwesenheit als die Geschwindigkeit, mit der Marktanteile wegbrechen.
Volkswagen versucht inzwischen, genau diese Lücke zu schließen. Die neuen China-Modelle der ID.-Familie setzen stärker auf lokale Entwicklung und Kooperationen. Beim ID. Unyx 09 kommt beispielsweise eine 800-Volt-Architektur zum Einsatz, während VW gleichzeitig mit Partnern wie Xpeng die Entwicklungszeiten verkürzen will. Die für China entwickelte China Main Platform könnte laut bisherigem Plan später auch für Europa interessant werden.
Das Problem bleibt das Timing. Volkswagens ID. Unyx 09 setzt in China bereits auf 800-Volt-Technik – also genau auf einen Bereich, in dem europäische Kunden bisher teilweise mit älteren Plattformen vorliebnehmen mussten. Wenn ein Hersteller erst reagiert, nachdem chinesische Konkurrenten längst günstige Elektroautos mit moderner Lade- und Softwaretechnik verkaufen, ist das ein verdammt schwieriger Aufholprozess.
Noch interessanter ist der Blick auf die kommenden Jahre. Der Geely EX2 führt auch das kumulierte Ranking Januar bis August mit 266.166 Einheiten an. Dahinter folgen das Tesla Model Y mit 226.931 und der Li Auto i6 mit 152.845 Verkäufen. Der VW Lavida kommt dagegen nur auf Rang 16.
Das eigentliche Risiko kommt jetzt nach Europa
Für Europas Hersteller wird die Entwicklung gefährlich, weil die chinesischen Marken nicht mehr nur auf dem Heimatmarkt stark sind. Sie bringen ihre Modelle zunehmend nach Europa – und das teilweise mit Preisen, die für etablierte Hersteller unangenehm niedrig wirken.
Leapmotor ist dafür ein gutes Beispiel. Der Leapmotor B03 zielt direkt auf Modelle wie den kommenden VW ID. Polo und Renault 5 E-Tech. In China startet das technische Schwestermodell sehr günstig, in Europa soll der Wagen trotz Importkosten, Zoll und Homologation im Bereich von etwa 20.000 bis 22.000 Euro landen. Das ist genau die Preisklasse, in der europäische Hersteller lange Lücken hinterlassen haben.
Leapmotor bringt mit dem B03 einen Elektro-Konkurrenten für VW und Renault nach Europa – und genau darin steckt die größere Gefahr. Die Chinesen müssen Europa nicht sofort dominieren. Es reicht schon, wenn sie in den wichtigen Preisbereichen gute Elektroautos anbieten, während europäische Marken ihre Modelle mit Verzögerung, höheren Preisen oder deutlich weniger Auswahl auf den Markt bringen.
Auch Xiaomi bereitet den Eintritt in Europa vor. Der offizielle Europa-Start ist für 2027 vorgesehen, Deutschland soll dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Gleichzeitig arbeitet Xiaomi bereits am Händler- und Servicenetz und dürfte damit einen der größten Nachteile neuer chinesischer Marken gezielt angehen.
VW hat deshalb durchaus noch Chancen. Die neuen Unyx-Modelle, schnellere China-Plattformen und die Rückkehr des Range-Extender-Konzepts bei der Era-Familie zeigen, dass der Konzern verstanden hat, wie sich der Markt verändert. Der ID. Era 9X kombiniert beispielsweise rund 300 Kilometer elektrische Reichweite mit einem Verbrennungsmotor als Generator und kommt damit auf mehr als 1.000 Kilometer Gesamtreichweite.
Nur: Der chinesische Markt wartet nicht auf Volkswagen. Im August stehen acht chinesische Marken beziehungsweise chinesisch dominierte Hersteller mit eigenen Modellen in den Top 10, Tesla ist die einzige internationale Marke mit zwei Fahrzeugen. Wer daraus keine Warnung liest, muss eigentlich nur noch auf die nächsten Rankings schauen.
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