Elektroautos: Hamburg will künstlichen Motorsound stoppen

Ich halte den Vorstoß aus Hamburg für ziemlich logisch: Elektroautos werden gerade akustisch wieder mit genau dem Problem belastet, das sie eigentlich hinter sich lassen könnten. SPD und Grüne wollen künstliche Motorsounds bei Stromern auf Bundesebene zurückdrängen – erlaubt bleiben sollen die Sicherheitstöne für Fußgänger und andere Verkehrsteilnehmer.
Der Punkt ist wichtig, weil hier zwei komplett verschiedene Dinge durcheinandergeraten. Ein vorgeschriebenes Warnsignal bei niedrigen Geschwindigkeiten dient dem Passantenschutz. Ein künstlich erzeugter Verbrennerklang, der nach Motor, Auspuff oder sogar Fehlzündungen klingt, erfüllt dagegen vor allem einen anderen Zweck: Er soll Emotionen erzeugen und dem Elektroauto etwas vom gewohnten Verbrennergefühl verpassen. Genau gegen diesen zweiten Teil richtet sich der Hamburger Vorstoß.
Sicherheit ja, Verbrenner-Imitat nein
Ich kann die Trennung nachvollziehen. Kein Mensch braucht ein lautlos heranrollendes Elektroauto, das für Fußgänger erst im letzten Moment wahrnehmbar wird. Genau dafür existieren die vorgeschriebenen akustischen Warnsignale. SmartDroid nennt dafür den Bereich bis 30 km/h, in dem diese Sicherheitstöne für den Passantenschutz relevant sind.
Darüber beginnt aber eine andere Debatte. Wenn ein Elektroauto bei höherem Tempo ohnehin über Reifen- und Abrollgeräusche hörbar ist, wird ein zusätzlicher synthetischer Motorsound schnell zur bewussten Lärmentscheidung. Hamburg argumentiert entsprechend mit einer simplen Logik: Elektrifizierung sollte nicht nur Emissionen reduzieren, sondern im Idealfall auch die Geräuschkulisse in Städten senken.
Genau hier wird die Sache politisch interessanter. Die Hamburger Regierungsfraktionen unterstützen eine Bundesratsinitiative gegen unnötigen künstlichen Lärm bei höheren Geschwindigkeiten; über die Initiative sollte die Bürgerschaft am 16. September 2026 entscheiden. Das Ziel richtet sich ausdrücklich gegen Sounds, die lediglich den Charakter eines Verbrenners nachahmen.
Das ist keine pauschale Kampfansage gegen jedes Geräusch im Elektroauto. Und das ist gut so. Wer aus Sicherheitsgründen ein akustisches Signal braucht, bekommt es. Wer im Innenraum seines Sportwagens V8, V10 oder Raumschiff spielen möchte, kann das von mir aus ebenfalls tun. Das Problem beginnt dort, wo diese Fantasie zwangsläufig auf die Ohren aller anderen Menschen gelangt.
Die Industrie liefert dafür längst Beispiele. BMW versucht beim kommenden Elektro-M3, synthetischen Klang mit einer echten Fahrschnittstelle zu verbinden. Im BMW M3 mit künstlichem Sound und Schaltstufen geht es nicht nur um einen alten Motorenklang aus dem Lautsprecher, sondern um akustisches Feedback für den Fahrer. Genau das ist der entscheidende Unterschied: Im Innenraum kann so ein System einen funktionalen Zweck haben, außerhalb des Autos wird dieser Zweck deutlich fragwürdiger.
Die Autohersteller wollen Emotionen retten
Dass Hersteller überhaupt auf die Idee kommen, Verbrennersound zurückzubringen, hat einen nachvollziehbaren Grund. Ein Elektroantrieb liefert seine Leistung anders, klingt anders und vermittelt damit auch anders, was gerade passiert. Für normale Pendler ist das ziemlich egal. Für Performance-Modelle, bei denen Fahrer Beschleunigung, Lastwechsel und Geschwindigkeit möglichst intuitiv erfassen sollen, kann akustisches Feedback sinnvoll sein. SmartDroid nennt den Grenzbereich ausdrücklich als Situation, in der der Sound nicht komplett sinnlos ist.
Das Problem ist also nicht künstlicher Sound an sich. Das Problem ist die Versuchung, aus einer sinnvollen Rückmeldung ein öffentliches Showprogramm zu machen.
Hyundai ist mit dem Ioniq 5 N ein besonders bekanntes Beispiel. Dort werden unter anderem frühere Verbrenner-Elemente wie Fehlzündungen simuliert – und zwar nicht nur im Innenraum, sondern laut SmartDroid auch über einen Außenlautsprecher. Das macht aus einem technischen Feedback-System schnell ein Stück akustische Inszenierung für die Umgebung.
Mercedes geht ebenfalls in diese Richtung. Der aktuelle Mercedes-AMG CLA 45 setzt auf künstlichen Sound und simulierte Schaltvorgänge, um dem Elektroantrieb mehr emotionales Verbrennergefühl zu geben. Technisch kann man das clever umsetzen. Die Frage ist aber eine andere: Muss ein Auto seine künstliche Klangwelt wirklich nach draußen tragen, nur weil es innen sportlicher wirken soll?
Ich finde: nein. Das ist schlicht eine Frage des Ortes.
Ein Hersteller kann im Innenraum praktisch alles machen, was der Fahrer freiwillig aktiviert. Dort betrifft die Entscheidung denjenigen, der das Auto gekauft hat. Auf der Straße sieht das anders aus. Wer an einer Kreuzung wohnt, am Gehweg entlangläuft oder an einer Straße sitzt, hat kein Auswahlmenü für den Sound eines vorbeifahrenden Autos.
Der leise Elektroantrieb darf kein Luxusproblem werden
Gerade in Großstädten wird dieser Unterschied irgendwann relevant. Ein einzelnes Elektroauto macht kaum einen dramatischen Unterschied. Viele Fahrzeuge zusammen schon. SmartDroid argumentiert genau mit dieser Summierung: Der akustische Vorteil eines Elektroantriebs entsteht nicht bei einem einzigen Wagen, sondern durch die Masse des Verkehrs.
Und damit wird der Streit über künstliche Motorsounds größer, als er auf den ersten Blick wirkt. Es geht nicht nur darum, ob jemand seinen elektrischen Sportwagen lieber wie einen V8 oder wie einen futuristischen Antrieb hören möchte. Es geht darum, ob eine neue Antriebstechnologie einen Teil ihres eigenen Vorteils freiwillig wieder aufgibt.
Die Gegenposition ist trotzdem nicht völlig absurd. Hersteller von Performance-Autos kämpfen mit einem emotionalen Problem. Wer jahrzehntelang mit Klang, Vibrationen und Schaltvorgängen verkauft wurde, kann nicht einfach behaupten, all das sei plötzlich irrelevant. Ein künstlicher Sound kann deshalb für Fahrer durchaus sinnvoll oder wenigstens unterhaltsam sein. BMW versucht beim Elektro-M3 genau diese Linie zu finden: nicht stumpf einen alten Motor kopieren, sondern Feedback für den elektrischen Antrieb neu definieren.
Das halte ich für den besseren Weg. Die Zukunft muss nicht so tun, als würde unter dem Boden weiterhin ein Verbrennungsmotor arbeiten. Ein Elektroauto darf elektrisch klingen. Es darf dem Fahrer sogar ein künstliches Feedback geben, wenn dieses technisch nachvollziehbar ist. Nur sollte diese Entscheidung nicht automatisch zum öffentlichen Beschallungsprogramm werden.
Hamburg setzt deshalb an einer ziemlich klaren Stelle an: Sicherheitstöne bleiben, künstliches Verbrenner-Theater für die Außenwelt soll weg. Das ist keine Absage an Sportwagen, keine Absage an Sounddesign und auch keine Forderung nach komplett geräuschlosen Autos. Es ist vor allem die ziemlich vernünftige Frage, warum ein Vorteil der Elektromobilität überhaupt wieder künstlich zurückgebaut werden soll.
Für mich ist die Antwort klar: Im Innenraum darf der Fahrer entscheiden. Auf der Straße sollten die Menschen entscheiden dürfen, wie viel Lärm sie ertragen müssen.
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