Leapmotor i C10 Irmscher: 598 PS treffen auf die 180-kW-Bremse

Schwäbische Tuning-Kultur trifft auf chinesischen Elektro-Großkonzern. Wenn Traditionstuner Irmscher an einem SUV aus Hangzhou Hand anlegt, weckt das enorme Erwartungen.
Der Leapmotor i C10 knallt für 49.900 Euro glatte 440 kW (598 PS) samt Allradantrieb auf den Tisch. Das ist eine Ansage, die bei den etablierten Herstellern für Schnappatmung sorgt. Doch wer knapp 600 PS für unter fünfzigtausend Euro kauft, muss im Alltag zwei bittere Pillen schlucken.
Irmscher schärft die Optik: Sportliches Kleid, brave Sitze
Optisch funktioniert die Verwandlung auf Anhieb. Der normale C10 wirkt mit seinen glatten Flächen eher brav, doch die auf 250 Exemplare limitierte Kleinserie dreht den Auftritt spürbar auf links.
Ein neuer Frontansatz, ein markanter Heckspoiler und rote Akzente auf schwarzem Lack brechen die textile Ruhe. Dazu stellt Irmscher das SUV auf 20-Zoll-Räder (245/45 R20) und drückt die Karosserie per Fahrwerksfedern tiefer in Richtung Asphalt.
Das Auto steht deutlich satter auf der Straße. Mit 4,74 Meter Länge, 1,90 Meter Breite und 1,68 Meter Höhe (Radstand: 2,83 Meter) bleiben die Dimensionen absolut alltagstauglich.
Im Innenraum verpufft der Sport-Gedanke allerdings sofort. Bis auf Veloursfußmatten mit roter Kettelung und eine nummerierte Plakette bleibt alles Serie.
Die Sitze bieten zwar weichen Kunstleder-Komfort für lange Strecken, besitzen aber praktisch null Seitenhalt. Wer die 598 PS fliegen lässt, rutscht in zügigen Kurven hilflos hin und her. Hier hätte Irmscher Sportsitze nachrüsten müssen.
Gleiches gilt für die Bremsen. Bei 2.264 Kilogramm Leergewicht verlangt das Bremspedal nach erheblichem Pedaldruck, bevor echte Verzögerung greift. Für mich unverständlich: Warum spendiert man einem Schwergewicht scharfe Spoiler, spart sich aber bissigere Bremsen?
Auch der Nutzwert bleibt Mittelmaß. Der Kofferraum schluckt überschaubare 435 Liter (maximal 1.410 Liter), der Frunk ist mit 32 Litern gerade groß genug fürs Kabel.
Bei 2.665 Kilogramm Gesamtgewicht bleiben gerade einmal 401 Kilogramm Zuladung. Vier Erwachsene schöpfen das Limit fast vollständig aus.
Immerhin: Die Anhängelast beträgt 1.500 Kilogramm (Stützlast: 60 Kilogramm). Dass die Marke dennoch rasant Fuß fasst, liegt am mächtigen Vertriebspartner: Über 1.000 Leapmotor-Standorte in Europa über das Stellantis-Netz nehmen Kunden das Werkstatt-Risiko.
4,0 Sekunden auf Tempo 100: Brachialer Schub, erstaunlich sparsam
Tritt man das rechte Pedal durch, kennt der zweimotorige Allradler keine Gnade. In 4,0 Sekunden fällt die 100-km/h-Marke.
Besonders der Zwischenspurt auf der Landstraße schiebt derart vehement an, dass man Beifahrer besser vorwarnt. Die Tieferlegung reduziert zwar das Wanken in Wechselkurven, doch die Physik lässt sich nicht austricksen: Die Lenkung bleibt distanziert und das Gewicht schiebt nach außen.
Kuriose Software-Schikane: Ist das One-Pedal-Fahren aktiv, sperrt das System den Wechsel der Fahrmodi. Man muss erst One-Pedal abschalten, den Modus wechseln und wieder zurückstellen. Das ist schlicht umständlich.
Die echte Überraschung folgt an der Steckdose. Trotz Allrad, Spoilerwerk und Breitreifen zog der i C10 im Test nur 18 kWh auf 100 Kilometer aus dem Speicher.
Für einen 600-PS-Stromer ist das herausragend effizient. An der Wallbox daheim kostet die 100-Kilometer-Strecke damit rund 6,70 Euro.
Der 81,9-kWh-Akku liefert in der Praxis locker bis zu 450 Kilometer Reichweite. Leapmotor garantiert acht Jahre oder 160.000 Kilometer auf den Akku. Spätestens bei diesem Preis-Leistungs-Paket versteht man, warum etablierte Rivalen wie VW den China-Aufsteiger fürchten.
800 Volt auf dem Papier: An der Säule wartet die Ernüchterung
Wer häufig Langstrecken fährt, bekommt an der Schnellladesäule einen Dämpfer verpasst. Leapmotor wirbt großspurig mit einer modernen 800-Volt-Architektur, limitiert den Stromer am DC-Lader aber auf magere 180 kW Ladeleistung.
Für 800 Volt ist das kein Ruhmesblatt. Während der Hersteller von 30 auf 80 Prozent 22 Minuten angibt, verlangt das reale Fenster von 10 auf 80 Prozent im Test glatte 30 Minuten. Konkurrenten wie Smart oder Zeekr pumpen mit bis zu 400 oder 480 kW Strom in den Akku und stehen nur halb so lang an der Säule.
Der zweite Ärger betrifft das Infotainment auf dem an sich flotten 14,6-Zoll-Bildschirm. Zwar laufen Menüs geschmeidig, doch das bordeigene Navi leistet sich immer wieder abstruse Umwege.
Richtig unverständlich im Jahr 2026: Weder Apple CarPlay noch Android Auto sind an Bord. Das Smartphone lässt sich schlicht nicht spiegeln. Wer Google Maps nutzen will, muss das Handy in eine Lüftungsgitter-Halterung klemmen.
Wer darauf angewiesen ist, sollte die Modellpflege des Leapmotor C10 abwarten: Mit Leap OS 4.0 Plus zieht endlich CarPlay in die Serie ein.
Gefallen hat mir hingegen ein cleveres Detail im Alltag: Über eine frei programmierbare Taste am Lenkrad lässt sich das gesetzliche Assistenz-Gepiepe mit einem einzigen Klick stummstellen.
Für 49.900 Euro ist der Leapmotor i C10 Irmscher ein faszinierender Allrad-Dampfhammer. Wer überwiegend zu Hause lädt und brutalen Schub zum Discounter-Tarif sucht, findet kaum eine stärkere Alternative. Für Vielfahrer hingegen bleibt das zähe 180-kW-Laden ein echter Bremsklotz.
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