Polestar 2: Neuauflage 2027 greift den BMW i3 frontal an

Polestar geht volles Risiko und nimmt den bayerischen Klassenprimus ins Visier. Fahrwerkschef Joakim Rydholm kündigte im Gespräch mit Auto Express unmissverständlich an, dass die für 2027 geplante zweite Generation des Polestar 2 den kommenden BMW i3 schlagen müsse. In meinen Augen ist das eine verdammt mutige Ansage – denn wer BMW bei der Fahrdynamik herausfordert, darf sich auf der Straße nicht den kleinsten Patzer erlauben.
Für die schwedisch-chinesische Marke steht bei diesem Modellwechsel schlicht alles auf dem Spiel. Der einstige Pionier der Geely-Tochter hat seinen internen Bestseller-Titel an den Polestar 4 verloren und wirkt gegen die erstarkende Konkurrenz technisch angegraut. Wer 2027 im elektrischen Premium-Segment noch Autos verkaufen will, punktet nicht mehr mit schlichtem Skandi-Chic. Polestar muss dort abliefern, wo BMW seit Jahrzehnten die Messlatte vorgibt: beim Fahrverhalten.
Dämpfer aus dem Polestar 5 gegen bayerische Präzision
Rydholms Strategie setzt genau an den fahrphysikalischen Schwachstellen bisheriger Modelle an. Statt sportliches Fahrverhalten über brettharte Federn zu erzwingen, bedient sich Polestar schamlos beim eigenen Luxus-Flaggschiff. Die Erkenntnisse aus der Entwicklung des viertürigen GT Polestar 5 wandern direkt in das kompakte Serienmodell.
Konkret geht es um adaptive Stoßdämpfer und eine spürbar direktere Lenkungsgeometrie. Dass die Schweden diesen Feinschliff bitter nötig haben, zeigte zuletzt der Polestar 3 mit Abstimmungsproblemen im Fahrwerk, der zwischen Sportlichkeit und Komfort im Niemandsland strandete. Als fahrdynamische Inspiration für das Handling dient laut Design- und Entwicklungsteam sogar das Sondermodell „BST edition 270“. Wenn man den i3 attackieren will, muss das Zusammenspiel aus Dämpfern und Lenkung auf den Punkt sitzen.
Nur wartet BMW in München nicht untätig ab. Die Bayern stellen den elektrischen Dreier auf die maßgeschneiderte Neue-Klasse-Plattform mit zentraler Fahrdynamikregelung. Sobald der Elektro-Dreier auf Basis der Neuen Klasse vom Band läuft, trifft Polestar auf eine der modernsten Architekturen überhaupt. Diesen Maßstab bei Agilität und Rückmeldung zu übertreffen, verlangt absolute Perfektion.
Schluss mit dem hochgebockten Kompromiss
Neben dem Fahrwerk räumt Polestar endlich den größten Konstruktionsfehler der aktuellen Generation ab: die betagte CMA-Plattform. Weil das Chassis ursprünglich für Verbrenner wie den Volvo XC40 entworfen wurde, saß man im Polestar 2 bisher in einem hochgebockten Zwitter mit störendem Kardantunnel und beengtem Fond.
Damit ist ab 2027 Schluss. Der neue Designchef Philipp Römers, zuvor bei Audi für den e-tron GT verantwortlich, trimmt den Wagen auf eine flache, gestreckte Limousinenlinie. Ein erster Teaser bestätigt tiefer gezogene Proportionen, markentypische Dual-Blade-Scheinwerfer und den vom Polestar 3 bekannten Aero-Flügel auf der Fronthaube. Auf der Rückbank entsteht durch den vergrößerten Radstand endlich der Raum, den Kunden in dieser Fahrzeugklasse fordern.
Beim elektrischen Rückgrat hält sich das Management noch bedeckt. Ob der Stromer weiterhin auf 400 Volt setzt oder modernere Spannungsniveaus nutzt, bleibt offiziell unbestätigt. In der Praxis ist die Debatte um den Wechsel auf 800-Volt-Technik absolut entscheidend für den Markterfolg. Ein langsam ladendes Auto hätte gegen die bayerische Neue Klasse von Beginn an das Nachsehen.
Lohschellers Zitterpartie um die Stückzahlen
Der Zeithorizont bis zum Marktstart im Sommer 2027 birgt ein handfestes Risiko. Während Polestar noch entwickelt, platziert BMW den i3 bereits früher im Handel und ruft Preise von über 65.000 Euro auf, um lukrative Marktanteile im Flotten- und Privatmarkt frühzeitig abzugreifen.
Gemeinsam mit dem kompakten Polestar 7 soll der neue Zweier die wirtschaftliche Wende erzwingen. CEO Michael Lohscheller braucht dringend Rendite und hohe Stückzahlen, um das Unternehmen dauerhaft in die Gewinnzone zu steuern. Die bisherigen rund 190.000 Käufer des Vorgängers sind eine solide Kundenbasis. Doch ob die Ansage gegen BMW aufgeht oder als leeres Versprechen endet, entscheidet sich erst auf dem Asphalt.
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