Porsche 718: Elektro-Boxster zeigt sich fast ohne Tarnung

Bilder des neuen Porsche 718 Boxster am Nürburgring sind da, und mein erster Eindruck ist klar: Das Elektro-Projekt lebt. Ich sehe einen Prototypen, der fast ohne Tarnung über die Strecke fährt und damit deutlich mehr vom späteren Serienauto zeigt als frühere Erlkönige. Dazu passt die klare Ansage von Porsche-Chef Michael Leiters aus dem August, der den elektrischen 718 ausdrücklich bestätigt hat.
Die Geschichte ist trotzdem keine normale Modellankündigung. Porsche hatte den neuen 718 ursprünglich deutlich früher auf dem Zettel, dann folgten Verzögerungen und sogar Spekulationen über ein komplettes Aus. Jetzt ist die Sache wieder deutlich weniger nebulös: Boxster und Cayman mit Elektroantrieb sollen gebaut werden. Einen verbindlichen Termin für den tatsächlichen Verkaufsstart nennt Porsche weiterhin nicht.
Jahrelange Entwicklung, dann plötzlich wieder auf Start
Der aktuelle 718 Boxster ist dabei nicht irgendein neues E-Auto. Porsche ersetzt mit dem Projekt die zweisitzige Sportwagen-Baureihe, die bislang mit klassischem Mittelmotor-Konzept gearbeitet hat. Beim Elektroauto muss diese Grundidee neu übersetzt werden, ohne dass aus dem kompakten Roadster plötzlich ein schwerer Akku-Bolide wird. Genau das ist der eigentliche Prüfstein.
Porsche arbeitet deshalb mit einer ungewöhnlichen Batterie-Positionierung. Nach bisherigen Berichten liegt ein relevanter Teil des Akkus nicht einfach flach über die komplette Fahrzeugbodenfläche, sondern mittig hinter den Sitzen. Das soll helfen, die Gewichtsverteilung näher an den bekannten 718-Charakter zu bringen. Klingt logisch – bedeutet aber auch, dass Porsche beim Packaging weit weniger frei ist als bei einem klassischen Elektro-SUV.
Die technische Basis ist ebenfalls interessant. Porsche und Audi teilen sich bei neuen Elektroprojekten bereits mehr Technik; wie eng Porsche und Audi inzwischen Technik teilen zeigt, warum der 718 nicht als komplett isolierte Entwicklung betrachtet werden sollte. Dass unter dem Wagen eine angepasste PPE-Lösung steckt, wird immer wieder angenommen, ist öffentlich aber nicht belastbar genug bestätigt. Sicherer ist: Audi baut beim kommenden Sportwagen-Projekt auf Technik auf, die mit der elektrischen 718-Entwicklung eng verzahnt ist.
Das erklärt auch, warum eine komplette Streichung des Porsche-Projekts so teuer und kompliziert gewesen wäre. Audi hängt mit seinem eigenen Sportwagen-Vorhaben daran, und Porsche selbst müsste für einen neuen Weg bereits geleistete Entwicklungsarbeit abschreiben. Leiters begründet die Fortsetzung denn auch ausdrücklich wirtschaftlich. Genau diese Formulierung ist bemerkenswert, weil sie den 718 nicht nur als Prestigeprojekt verkauft, sondern als wirtschaftlich sinnvolle Lösung.
Nürburgring zeigt: Der Boxster ist fast fertig
Die neuen Testbilder sind deshalb wichtiger als das nächste PR-Interview. Porsche schickt den elektrischen 718 Boxster fast ohne Tarnung über den Nürburgring. Vieles wirkt bereits seriennah, auch wenn einzelne Details bis zum Produktionsstart noch geändert werden können.
Auffällig ist vor allem die Front. Die Scheinwerfer sitzen tiefer und erinnern an den Taycan, während die vorderen Luftöffnungen deutlich schärfer gezeichnet wirken. Auch die seitlichen Schweller fallen kräftiger aus. Auf den ersten Blick sieht das weiterhin nach 718 aus – Porsche versucht also nicht, aus dem Roadster plötzlich eine komplett neue Designwelt zu machen.
Hinten wird es naturgemäß leerer. Ein Auspuff fehlt, und genau dadurch verändert sich die klassische 718-Silhouette stärker als an der Front. Ob jedes sichtbare Detail bereits dem finalen Serienstand entspricht, bleibt offen. Der aktuelle Entwicklungsstand spricht aber ziemlich deutlich dafür, dass wir hier nicht mehr über einen frühen Versuchsträger reden.
Dass Porsche ausgerechnet am Nürburgring testet, passt zum Anspruch des Autos. Der 718 muss nicht nur brutal beschleunigen können. Er muss auf einer anspruchsvollen Strecke funktionieren, ohne dass Akkugewicht, Thermik und Packaging den Charakter des Sportwagens auffressen. Das ist bei einem Elektro-Roadster eine ganz andere Aufgabe als bei einem schweren SUV, bei dem zusätzliche Batteriemasse leichter kaschiert werden kann.
Porsche bekommt plötzlich echten Zeitdruck
Genau hier wird die Geschichte für Porsche unangenehm. Der Konzern hat viel Zeit verloren. Gleichzeitig haben chinesische Hersteller eigene Elektro-Sportwagen auf die Räder gestellt und dabei Zahlen veröffentlicht, die etablierte Sportwagenmarken zumindest beim Datenblatt alt aussehen lassen.
Der Denza Z mit 1.604 PS ist dafür ein ziemlich passendes Beispiel. BYD lässt den Elektrosportler mit drei Motoren antreten, die stärkste Variante soll 1.604 PS und 1.240 Nm liefern und in 1,96 Sekunden von 0 auf 100 km/h sprinten. Solche Werte beweisen noch keinen besseren Sportwagen – Fahrwerk, Bremsen, Dauerleistung und das gesamte Zusammenspiel sind mindestens genauso wichtig. Sie zeigen aber, wie schnell sich die Messlatte verschoben hat.
Porsche hat deshalb kaum noch den Luxus, einfach einen technisch guten Elektro-718 zu bauen und damit fertig zu sein. Der Wagen muss sich beim Fahrgefühl rechtfertigen. Ein Porsche mit extremem Antritt ist keine Überraschung mehr. Ein Porsche, der trotz Elektroantrieb leicht, präzise und auf Dauer überzeugend fährt, wäre die eigentliche Ansage.
Genau deshalb finde ich die Verzögerungen fast interessanter als die nackten Beschleunigungswerte. Porsche hatte offensichtlich mehr Probleme mit dem Weg zum elektrischen Sportwagen, als die Hochglanz-Kommunikation zunächst vermuten ließ. Jetzt steht der Boxster aber fast ungetarnt am Nürburgring – und damit beginnt die nächste Phase: Porsche muss beweisen, dass die lange Entwicklungszeit am Ende nicht nur Geld verbrannt, sondern tatsächlich einen besseren Sportwagen hervorgebracht hat.
Der elektrische 718 kommt. Das ist inzwischen ziemlich eindeutig. Die spannendere Frage ist, ob Porsche damit noch den Maßstab setzt – oder nur versucht, den Abstand zu Herstellern zu verkürzen, die längst losgefahren sind.
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