Volvo EX60: Warum der XC60-Erbe jetzt liefern muss

Volvo EX60
Quelle: Volvo
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Elektroauto-News hat im Umfeld der deutschen Premiere des Volvo EX60 mit Herrik van der Gaag gesprochen. Er leitet bei Volvo den Cluster Deutschland, Niederlande, Österreich und Schweiz, ein Markt, über den jährlich fast 90.000 Fahrzeuge verteilt werden. Die zentrale Frage im Interview: Warum sind die Niederländer bei der E-Mobilität nach wie vor voraus, und schafft Deutschland tatsächlich die Aufholjagd? Die Antworten, die van der Gaag dem Portal gab, lohnen eine genauere Einordnung.

Vorab die Einordnung, die im Original-Interview so nicht ausgesprochen wurde, aber jedem klar sein sollte, der Volvos Modellpolitik der letzten Jahre verfolgt hat: Mit EX30 und EX90 deckt die Marke bereits das kompakte und das große SUV-Segment elektrisch ab. Der EX60 schließt die Lücke in der Mitte, exakt dort, wo Tesla mit dem Model Y, BMW mit dem iX3 und Audi mit dem Q6 e-tron um Marktanteile kämpfen. Das ist kein Nebenschauplatz, das ist das umkämpfteste Segment im gesamten E-Auto-Markt.

Vom Steuertrick zum ehrlichen Nutzungsverhalten

Van der Gaags Erklärung für den niederländischen Vorsprung, wie sie Elektroauto-News dokumentiert hat, ist nüchtern: Die Niederlande sind früh in den Plug-in-Hybrid eingestiegen, in Deutschland wurde der Doppelantrieb dagegen jahrelang primär als Dienstwagen-Steuertrick gesehen. Interessant ist die Zahl, die er im Gespräch dagegenhält: Über 50 Prozent der Kilometer in Volvo-PHEVs wurden laut Unternehmensangaben rein elektrisch gefahren. Das entkräftet den Vorwurf, PHEVs seien reine Steuersparmodelle, zumindest für einen relevanten Teil der Kundschaft.

Bei der Ladeinfrastruktur hat sich das Kräfteverhältnis inzwischen gedreht. Deutschland verfügt laut van der Gaags Aussage gegenüber Elektroauto-News mittlerweile über die meisten Schnelllader mit über 300 Kilowatt Leistung in ganz Europa und baut sie am schnellsten weiter aus. Sein im Interview gefallener Kommentar bringt die deutsche Gründlichkeit ziemlich treffend auf den Punkt: „Wenn die Deutschen gehen, dann gehen sie auch.“ Ob das reicht, um auch bei den Zulassungszahlen aufzuholen, ist eine andere Frage, Ladesäulen allein verkaufen keine Autos.

Der Bestseller-Thron soll elektrisch neu besetzt werden

Genau hier setzt der EX60 an. Der XC60 war über Jahre der meistverkaufte Volvo in Deutschland überhaupt, und mit dem EX60, der auf einer eigenen Plattform aufbaut, will Volvo diese Position jetzt elektrisch verteidigen, so die Einschätzung, die van der Gaag im Gespräch mit Elektroauto-News teilte. Das ist die eigentliche Nachricht hinter dem Termin: Volvo tritt im wichtigsten Verbrennersegment des Landes nun erstmals mit einem waschechten Elektro-Pendant an, nicht mit einem Kompromiss-Umbau.

An der Grundstrategie ändert das laut den Aussagen gegenüber dem Portal nichts. Volvo hält weiter am Ziel fest, ab 2030 praktisch keine Verbrenner mehr zu verkaufen, investiert aber parallel weiter in Hybride und Plug-in-Hybride, um loyale Kund:innen nicht zu verlieren. Schneller elektrisch unterwegs sind ohnehin die Großkunden mit strengen Flottenvorgaben, die längst konsequent Strom statt Sprit ordern, der Privatkunde hinkt dieser Entwicklung spürbar hinterher.

Rote Zahlen, geteilte Autohäuser

Wirtschaftlich läuft es bei Volvo aktuell alles andere als rund. Für 2025 weist der Konzern laut van der Gaags Angaben gegenüber Elektroauto-News einen Verlust von 281 Millionen Euro aus, 3000 Stellen wurden gestrichen. Der deutsch-niederländische Cluster ist zwar wichtig, aber letztlich nur ein Baustein in einer globalen Rechnung, die momentan nicht aufgeht, und genau in dieser Phase muss ausgerechnet das teuerste Entwicklungsprojekt der Marke, eine komplett neue Elektro-Plattform, den Turnaround einleiten.

Bei der Werksauslastung wird die Lage noch greifbarer: Der EX60 wird in Göteborg entwickelt und gebaut, während Volvo künftig ausgewählte Händlerstandorte mit der Schwestermarke Lynk & Co teilt. Van der Gaag verkauft das im Interview als Chance für Partner, zusätzliche Auslastung im Service zu generieren, nicht als Konkurrenzsituation. Nüchtern betrachtet ist das aber vor allem eins: Kostenoptimierung in einer Zeit, in der jeder Quadratmeter Autohaus-Fläche wirtschaftlich gerechtfertigt werden muss.

Verkaufsgespräch 2.0: Vertrauen schlägt Reichweitenangst

Ein Punkt, der van der Gaag im Gespräch mit Elektroauto-News sichtlich wichtig war, betrifft die Beratungsqualität im Handel. Volvo investiert gezielt in Schulungen, weil sich das Verkaufsgespräch fundamental gewandelt hat: Es geht heute um Batteriegröße, Ladegeschwindigkeit, Wallbox-Kompatibilität und Anhängerlast statt nur um die nackte Reichweitenzahl auf dem Datenblatt. Die Zahl, die dahintersteckt, ist der eigentliche Aufreger im Interview: Drei Viertel der potenziellen Käufer:innen in Deutschland waren laut van der Gaag noch nie in einem Elektroauto unterwegs. Bei der mittlerweile breiten Verfügbarkeit von E-Autos im Straßenbild eine überraschend hohe Zahl, sie zeigt, wie groß die Distanz zwischen Verfügbarkeit und tatsächlicher Erfahrung in der breiten Bevölkerung noch immer ist.

Volvo will genau hier mit seiner Historie punkten: fast 100 Jahre Markengeschichte, ein dichtes Service-Netz, eine erweiterte Batteriegarantie und ein eigenes Batteriezertifikat für den Gebrauchtwagenmarkt. Dass gebrauchte E-Autos inzwischen ordentlich nachgefragt werden, wertet van der Gaag laut dem Elektroauto-News-Interview als Zeichen eines Marktes, der langsam erwachsen wird, ein Punkt, den man angesichts der Restwert-Debatten der letzten Jahre durchaus positiv verbuchen darf.

Kaufprämien? Nein danke, sagt Volvo

Politisch bezieht van der Gaag gegenüber Elektroauto-News klar Stellung gegen kurzfristige Kaufanreize: „Ich bin kein großer Fan von kurzen Kaufimpulsen, die den Markt eher verzerren“, sagte er im Interview. Stattdessen plädiert er für Anreize, die die Nutzung fördern, etwa günstigeres Parken oder priorisierte Fahrstreifen für E-Autos. Sein Argument: Der durchschnittliche deutsche Autofahrer legt am Tag rund 40 Kilometer zurück, die meisten Ladevorgänge passen problemlos in die heimische Wallbox. Das wurde aber auch Zeit, dass das mal jemand aus der Industrie öffentlich so unverblümt formuliert, statt reflexhaft nach der nächsten Förderrunde zu rufen.

Mit BMW oder Mercedes will Volvo um die Premiumkrone gar nicht konkurrieren. Sicherheit, Nachhaltigkeit und Familienfreundlichkeit sollen stattdessen ziehen, Werte, auf die der EX60 in seinem angestammten Segment voll setzt. Ob das reicht, um den XC60-Erfolg elektrisch zu wiederholen, entscheiden am Ende aber nicht Marken-Werte, sondern der Preis auf dem Papier und die Ladekurve im echten Alltag, und genau zu diesen beiden Punkten hielt sich Volvo auch im Elektroauto-News-Gespräch selbst noch bedeckt.

Quelle des Interviews: Elektroauto-News

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