XPENG L03 AWD Ultra im Test: 431 PS Luxus-Stromer patzt ausgerechnet im Parkhaus

XPENG schickt mit dem XPENG L03 AWD Ultra ein echtes Brett auf die Straße: Für 46.500 Euro parkt hier ein elektrisches SUV-Coupé mit strammen 431 PS, Allradantrieb und einer Serienausstattung, für die man bei den deutschen Premiummarken locker einen Kleinwagen extra bezahlen müsste.
Los geht die Baureihe regulär schon ab 36.500 Euro mit kleinerem 57-kWh-LFP-Akku, doch das Topmodell will mit seiner 70,4-kWh-Batterie direkt Jagd auf Tesla Model Y und Co. machen. Im Kölner Berufsverkehr musste der Neuling nun bei nasskalten 8 Grad, Nieselregen und Winterreifen im Alltagstest von ELEKTROBAYS zeigen, was die China-Technik im Alltag wirklich taugt.
Was sich in den Datenblättern wie der absolute Preis-Leistungs-Traum liest, offenbart nach den ersten Kilometern durch die Kölner Innenstadt allerdings zwei Gesichter: Einerseits überrascht der Wagen mit einem unfassbar sparsamen Stadtverbrauch, andererseits schleppt der L03 ein paar Software-Macken mit sich herum, die mich beim Ansehen des Videos schlichtweg fassungslos zurückgelassen haben.
Parkhaus-Härtetest: Wenn die Kamera glänzt, aber der Parkassistent patzt
Der XPENG L03 meistert enge Parkhäuser dank seines kleinen Wendekreises von 10,7 Metern und frei belegbarer 360-Grad-Felgenkameras hervorragend ohne teure Felgenschäden. Allerdings orientiert sich die Einparkautomatik stur an Bodenmarkierungen statt an Nachbarfahrzeugen, sodass die Fahrertür bei engen Buchten blockiert bleibt.
Wer schon mal in engen Parkhäusern unterwegs war, kennt das Problem: Die Ein- und Ausfahrten stammen gefühlt aus einer anderen Epoche und die Beton-Bordsteine sind pechschwarz von abgeriebenem Gummi. Normalerweise riskiert man hier ruckzuck einen satten Schaden an den glanzgedrehten Leichtmetallfelgen. Genau hier spielt der L03 allerdings einen echten Trumpf aus: Über eine frei belegbare Taste am Lenkrad lässt sich sofort die 360-Grad-Kamera mit speziellem Blick auf die vorderen und hinteren Felgen aufrufen. In Kombination mit dem knackigen Wendekreis von 10,7 Metern zirkelt man den Wagen millimetergenau an den Kanten vorbei, ohne Schweißausbrüche zu bekommen.
Die Ernüchterung folgte wenige Minuten später dann im Test beim automatischen Parkversuch. Erkennt das Kamera- und Radarsystem eine freie Parklücke, klappt der L03 brav die Außenspiegel ein und parkt zügig rückwärts ein. Das Problem dabei: Die Software orientiert sich stur an den weißen Bodenlinien und ignoriert schlicht, wie die Nachbarautos positioniert sind.
Stand der Nebenmann etwas schief, steht der XPENG zwar kerzengerade in der Markierung, aber so dicht an der Nachbartür, dass ich als Fahrer schlicht nicht mehr aussteigen konnte. Immerhin funktionierte der integrierte Ausparkassistent danach reibungslos und bugsierte das Auto wieder selbstständig aus der Klemme. Wie ehrgeizig die Chinesen technisch vorgehen, zeigt auch meine Analyse zur XPENG Expansions-Strategie in Europa.
15,3 kWh im City-Verkehr: So schlägt sich der 431-PS-Allrad an der Steckdose
Im Kölner Stadtverkehr verbraucht der XPENG L03 AWD Ultra im ELEKTROBAYS-Test bei widrigen 8 Grad Außentemperatur und Winterreifen lediglich 15,3 kWh auf 100 Kilometern. Trotz zweier E-Motoren und 431 PS Gesamtsystemleistung erweist sich der chinesische Stromer damit im nasskalten Stop-and-Go als beachtlich effizient.
Auf der 27,4 Kilometer langen Testrunde durch die Kölner Innenstadt herrschten denkbar schlechte Bedingungen für ein Elektroauto: Nasse Fahrbahn, Kälte, Heizung im Dauerbetrieb und klebrige Winterreifen. Umso mehr überraschte der Bordcomputer, der sich über den Menüpunkt „Teilsumme“ nun endlich wie ein klassischer Tageskilometerzähler manuell zurücksetzen lässt. Am Ende standen exakt 15,3 kWh/100 km auf der Anzeige.
Rechne ich diese 15,3 kWh mal eben mit einem typischen Haushaltsstrompreis von 36 Cent pro kWh durch, würde mich die 100-Kilometer-Fahrt durch die Stadt gerade einmal 5,51 Euro kosten. Ein vergleichbar motorisierter Benziner mit Allradantrieb und über 400 PS genehmigt sich im Kölner Berufsverkehr locker 11,5 Liter Super Plus. Bei einem Spritpreis jenseits der 2,00 Euro pro Liter wandern da mal eben mehr als 23,00 Euro durch den Auspuff. Wer im Jahr rund 15.000 Kilometer im City-Bereich oder im Pendelverkehr zurücklegt, spart mit dem XPENG gegenüber einem Verbrenner mehr als 2.000 Euro an reinen Energiekosten.
Dass ein sparsamer City-Verbrauch bei E-Autos keineswegs selbstverständlich ist, zeigte sich neulich schon beim Tesla Model Y im Verbrauchstest. Auch beim Abrollkomfort punktet der L03: Trotz fehlender Doppelverglasung bleibt es im Innenraum angenehm leise, und das Fahrwerk schluckt Kölner Kopfsteinpflaster souverän weg. Die Sitzposition fällt spürbar höher aus als in einer flachen Limousine und erinnert mich stark an kompakte Crossover wie den Cupra Tavascan. Wer noch mehr Platz sucht, schielt vielleicht eher auf den kommenden Bruder, zu dem ich die wichtigsten Details im Leak zum XPENG L05 zusammengefasst habe.
Luxussitze und Google-Karten, aber der Tempomat ignoriert rote Ampeln
Der Innenraum des XPENG L03 begeistert mit Google-Kartenmaterial, schneller Sprachsteuerung und einer kräftigen Sitzmassage samt Gesäßfunktion. Abzüge im Alltagstest gab es für den Abstandstempomaten, der rot leuchtende Ampeln im Display zwar visualisiert, davor aber nicht selbstständig anhält.
Nimmt man im Innenraum Platz, fühlt sich der L03 nach deutlich mehr als 46.500 Euro an. Die Sprachbedienung („Hey XPENG“) reagiert verzögerungsfrei auf Befehle für Sitzheizung, Lenkradheizung oder das Öffnen der Fenster – auch wenn die deutsche Computerstimme das Leselicht beharrlich als „Leseleichte“ ankündigt. Ein absolutes Highlight war im Test die Fahrersitzmassage: Statt wie bei vielen Konkurrenten nur sanft mit Luftpolstern zu streicheln, packt das System in Stufe 3 richtig kräftig zu und massiert sogar die Gesäßfläche spürbar durch. Dazu läuft das Navigationssystem dank Google-Kartenmaterial, Satellitenansicht und Live-Traffic extrem flüssig.
Ganz ohne Aussetzer kommt der L03 im Kölner Schmuddelwetter allerdings laut Test nicht über die Runden. Da wäre zum einen der Scheibenwischer, der ab mittlerem Tempo unschön über die Scheibe flattert und dabei lauter arbeitet, als man es in dieser Preisklasse hören möchte. Dazu kommt das altbekannte China-Klima-Phänomen: Draußen waren es 8 Grad, und um im Innenraum ein behagliches Gefühl von 22 Grad zu bekommen, musste ich die Temperatur im Menü auf 24 Grad hochschrauben. Wer chinesische Stromer kennt, kennt auch diesen kleinen Temperatur-Versatz. Auch ein echtes One-Pedal-Driving bis zum Stillstand fehlt unverständlicherweise, obwohl sich die Rekuperation mehrstufig einstellen lässt.
Richtig haarig wird es allerdings beim Abstandsregeltempomaten an Kreuzungen. Der L03 erkennt rote Ampeln nämlich absolut fehlerfrei und blendet das rote Signal sogar gut sichtbar im Zentraldisplay ein – hält davor aber schlichtweg nicht an. Wer sich hier darauf verlässt, dass das Auto wie ein moderner VW oder BMW vor der Haltelinie zum Stehen kommt, rauscht bei Rot ungebremst über die Kreuzung. Das ist bei einem Auto, das sich selbst als Software-Pionier feiert, ein echter Patzer, der schleunigst per Update gefixt gehört.
Dass traditionelle Hersteller bei der Erkennung von Ampelphasen aktuell die Nase vorn haben, zeigte sich zuletzt auch bei der Probefahrt im VW ID.3 Neo.
Unterm Strich schnürt XPENG mit dem L03 AWD Ultra trotzdem ein fast schon unverschämt günstiges Gesamtpaket: 431 PS, Allrad, Google-Navigation und die beste Sitzmassage, die ich seit Langem getestet habe – und das alles für unter 47.000 Euro. Wer mit den Software-Eigenheiten leben kann oder darauf vertraut, dass XPENG die Ampel-Bremse und das fehlende One-Pedal-Driving per Over-the-Air-Update nachliefert, bekommt hier extrem viel Elektroauto fürs Geld.
Wie seht ihr das: Wären der Ampel-Patzer und das fehlende One-Pedal-Driving für euch ein Ausschlusskriterium, oder überwiegt der gewaltige Preisvorteil?
Schmidtis Blog zu Deiner bevorzugten Quelle bei Google hinzufügen
Links mit einem * sind Partner-Links. Durch einen Klick darauf gelangt ihr direkt zum Anbieter. Solltet ihr euch dort für einen Kauf entscheiden, erhalte ich eine kleine Provision. Für euch ändert sich am Preis nichts. Danke für eure Unterstützung!
