EWE Go verliert vor Gericht und das Laden wird trotzdem teurer

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Das Landgericht München I hat die Preispolitik von EWE Go in einem bemerkenswerten Urteil für rechtswidrig erklärt. Wer jetzt allerdings hofft, dass öffentliches Schnellladen für Elektroautofahrer schlagartig günstiger wird, fällt auf eine Illusion herein.

Geklagt hatte Digital Charging Solutions (DCS), der Dienstleister hinter den Ladediensten von BMW, Mercedes-Benz, Porsche und Hyundai. Das Urteil deckt eine fragwürdige Roaming-Praxis auf, dürfte die Tarife für viele E-Auto-Fahrer im Alltag aber sogar spürbar verteuern.

  • Betroffene Hardware / Software: EWE Go High-Power-Charger (ab 50 kW), Ladedienste von Digital Charging Solutions (BMW Charging, Mercedes me Charge, Porsche Charging Service, Audi charging, Charge myHyundai), EnBW mobility+, Electra, EU-Verordnung AFIR
  • Kern-Effekt / Änderung: Preisaufschläge im B2B-Roaming von 84 Cent pro kWh gegenüber 52 Cent pro kWh in der Betreiber-App verstoßen laut Münchner Urteil gegen Artikel 5 Absatz 3 der AFIR
  • Die entscheidende Kehrseite: Warum Ausweichmanöver über Kleinst-Abos, drohende Preisanhebungen in den Apps und offene Rechtsmittel das Urteil zur Kostenfalle für Verbraucher machen

Der B2B-Aufschlag vor Gericht: Warum DCS den Vergleich ablehnte

Anstoß des Verfahrens war ein Ladevorgang an einer Schnellladesäule von EWE Go im Raum München. Der Ladedienstleister DCS musste an der Hardware einen B2B-Roaming-Preis von rund 84 Cent pro kWh brutto schlucken. Wer denselben Lader dagegen über die kostenlose Smartphone-App von EWE Go startete, zahlte schmale 52 Cent pro kWh.

Diese krasse Preisdifferenz von über 30 Cent pro kWh ist kein Zufall, sondern System. Ladesäulenbetreiber melken Fremdkunden ab, um das eigene Angebot künstlich attraktiv zu rechnen. Genau diesen Mechanismus untersagt Artikel 5 Absatz 3 der europäischen AFIR-Verordnung. Der Paragraph schreibt verbindlich vor, dass Preise für Mobilitätsdienstleister angemessen und diskriminierungsfrei sein müssen.

Vor Gericht brach die Argumentation des Betreibers komplett in sich zusammen. Der geladene Zeuge von EWE Go konnte dem Richter keinen einzigen sachlichen Grund für den extremen Aufschlag nennen.

Besonders bemerkenswert: Das Gericht drängte im Juli mehrfach auf eine gütliche Einigung. DCS lehnte den vorgeschlagenen Deal jedoch strikt ab. Das Unternehmen wollte keinen Hinterzimmer-Rabatt, sondern ein Grundsatzurteil erzwingen. Autofahrer wissen genau, wie überteuerte Roaming-Preise die Wirtschaftlichkeit eines Elektroautos auf einen Schlag ruinieren können. Nun muss EWE Go für den Zeitraum von April 2024 bis Oktober 2026 detailliert Rechnung legen und Schadenersatz leisten.

Abrechnungsmodelle und reale Ladetarife im direkten Vergleich

Die Spanne zwischen direktem Spontanladen, Betreiber-Anwendung und Roaming-Karten offenbart das ganze Ausmaß der Schieflage. Viele Autofahrer geraten völlig unvorbereitet in das vermeidbare Tarif-Chaos an Ladesäulen, weil an den Stationen keine transparente Preisauszeichnung existiert. Die folgende Übersicht stellt die verhandelten Streitwerte den Konditionen anderer großer Ladenetze gegenüber.

Anbieter & KanalAbrechnungsformArbeitspreis pro kWhRegulatorische & wirtschaftliche Einordnung
EWE Go AppDigitales Dauerschuldverhältnis ohne Grundgebühr52 CentVom Gericht bestätigter Referenzpreis an eigener Hardware
EWE Go Ad-hocDirektzahlung per Terminal / Kreditkarte79 Cent bis 84 CentTeuerster Spontantarif ohne Kundenkonto
DCS B2B-RoamingDrittanbieter-Ladekarten (BMW, Porsche etc.)ca. 84 CentVom Landgericht München I als rechtswidrige Diskriminierung untersagt
EnBW Ladetarif SEigene App ohne monatliche Grundgebühr56 CentIdentisches Modell mit erheblichem Preisvorteil für App-Nutzer
EnBW Roaming / Ad-hocSpontanladen oder Drittanbieter-Ladekarten69 Cent bis 79 CentPreisaufschlag von bis zu 23 Cent gegenüber der App
Electra AppEigener Account ohne fixe Monatsgebühr34 CentAggressiver Einstiegspreis im eigenen Schnellladenetz
Electra RoamingAbrechnung über Roaming-Partner69 CentGigantische Differenz von 35 Cent pro Kilowattstunde

Die Zahlen belegen eindeutig, wie systematisch der Markt verzerrt wurde. Im Streitfall summiert sich der monatliche Mehrerlös von EWE Go auf geschätzte 150.000 Euro. Über die 30 Monate seit Inkrafttreten der AFIR ergibt das eine Rückforderung von rund 4,5 Millionen Euro. Wer regelmäßig unterwegs ist und große Schnellladenetze im Test vergleicht, sieht sofort, dass dieses System bei fast allen großen Anbietern Schule gemacht hat.

Schlupflöcher der Betreiber und drohende Kostenfallen für E-Autofahrer

Der reflexartige Jubel über das Urteil verkennt die Realität der Energiekonzerne. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. EWE Go kann vor das Oberlandesgericht, den Bundesgerichtshof und letztlich vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. Bis zu einer endgültigen Entscheidung vergehen Jahre, in denen an den Ladesäulen erst einmal gar nichts günstiger wird.

Gleichzeitig stehen die Risikomanager bei EnBW, Aral pulse und Electra vor einem Problem. Wenn sie Klagen fürchten, werden sie ihre Modelle anpassen, aber ganz sicher nicht zugunsten der Autofahrer.

Das naheliegendste Schlupfloch ist ein Zwangs-Abo. Führen Betreiber eine Minigebühr von 0,99 Euro pro Monat ein, ist die App keine reine Gratis-Option mehr. Durch diesen simplen Trick entsteht ein echtes kostenpflichtiges Vertragsverhältnis, mit dem sich Preisunterschiede juristisch viel leichter rechtfertigen lassen.

Noch bitterer ist Option zwei: die Mischkalkulation nach oben. Um den B2B-Vorwurf auszuhebeln, könnte EWE Go den eigenen App-Preis anheben. Treffen sich Einkauf und App-Tarif in der Mitte bei 68 Cent pro kWh, bleibt der Gesamtumsatz des Betreibers identisch. Die Zeche zahlen dann jene treuen Kunden, die bislang für 52 Cent geladen haben.

Wer auf Langstrecken fährt, kennt solche bösen Kostenfallen zur Genüge. Ohne akribische Planung zerstören teure Ladefallen auf Langstrecken jede Ersparnis gegenüber Benzin oder Diesel. Ein absurdes Detail kommt noch hinzu: Die erstrittenen 4,5 Millionen Euro fließen komplett an DCS. Die Autofahrer, die diese überhöhten Tarife an den Ladesäulen tatsächlich bezahlt haben, bekommen keinen Cent zurück.

Dass der wirre Ladekarten-Dschungel 2026 weiter wuchert, liegt an genau diesen Fehlanreizen. Wenn Anbieter wie Electra eine Differenz von 35 Cent pro kWh zwischen App und Fremdkarte aufrufen, drohen hier gigantische Prozessrisiken, die am Ende wieder auf die Endpreise umgelegt werden.

Mein schonungsloses Urteil zur juristischen Scheinlösung

Das Urteil des Landgerichts München I ist ein wichtiges juristisches Ausrufezeichen, aber für Verbraucher kein Grund zum Jubeln. Es entlarvt zwar die Willkür bei den Roaming-Preisen, stoppt aber nicht die Abzocke an der Ladesäule.

Die Politik hat mit der schwammigen Formulierung „angemessener Preise“ in der AFIR versagt. Solange Brüssel keine glasklaren Obergrenzen oder identische Einheitspreise an den Stationen vorschreibt, suchen sich die Anbieter sofort neue Ausweichrouten.

Stellt euch auf steigende Preise in den Betreiber-Apps und nervige 99-Cent-Abos ein. Günstiger wird das Laden an Schnellladern dadurch garantiert nicht.

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4 Kommentare

  1. Was in dem Artikel komplett zu kurz kommt, ist die Tatsache dass der ad hoc Preis von EWE Go ebenfalls unverschämt teuer und durch kein sachliches Argument zu rechtfertigen ist. Über 50% Aufpreis erfüllt schlicht und einfach den Straftat(!)Bestand des Wuchers.
    Insofern ist ein Grundsatz Urteil durchaus sehr wertvoll, da sich z.B. Verbraucherverbände darauf berufen können. Ein Gang in die höheren Instanzen wäre reine Verzögerungstaktik, da sachlich ja keine neuen Argumente für solche irrsinnigen aufpreise hinzu kommen.

    Dass sich EWE nun eventuell ein neues Modell ausdenken wird um seine Burggraben Taktik wieder besser durchführen zu können und es damit für den Kunden teurer würde halte ich auch nicht für ein schlüssiges Argument. In einem Markt mit fairen und transparenten Bedingungen sorgt die Konkurrenz der Konzerne untereinander für günstigere Preise. Genau diese Bedingungen haben einige CPOs versucht zu verschlechtern bzw verhindern und genau dies wurde völlig zu Recht vor Gericht kassiert.

  2. Hui, die Kurve bekommen… ;o)

    Ich dachte erst, nachdem mir Google den Artikel vorschlug, dass nun ein weiterer Lobgesang auf die Ritter von DSC gegen die bösen Ausbeuter von EWE kommen würde und bald das Paradis der günstigen Ladepreise ausgerufen werden könnte.

    Aber gerade der untere Teil kommt meiner persönlichen Wertung sehr nahe. Warum hat DSC sich genau EWE aus den vielen Anbietern herausgepickt? Es ist einer der wenigen Anbieter, bei denen Kunden ohne Abo einfach so hier und da recht günstig laden können. (Fast) alle anderen Anbieter bieten erst mit einem einfachen Abo vergleichsweise oder mit teuren Abos dann auch günstigere Preise.

    Und DSC ist ein Anbieter, der gern Abos an Kunden verkauft. Sieht man sich die Unternehmen dahinter an, dann stehen die nicht wirklich für günstige Produkte wie beim Discounter – ob auf 4 Rädern oder an der klassischen Zapfsäule bzw. modernen Ladesäule.

    Man wollte keinen Vergleich. Vielleicht auch deswegen, da es weniger um Schadenersatz als Kompensation sondern mehr um Verhinderung von abofreien Discountpreisen für eFahrer geht.

    Hätte ein Verbraucherverband geklagt, könnte man die Idee der günstigeren Preise erwarten. Nicht hier. Hier geht es um pure Gewinnmaximierung durch optimiert angewendete Marktregeln.

    Und so werden wir demnächst mehr Abos für günstige kWh-Preise sehen.

    Eins muss man aber DCS lassen: Sehr gute mediale Präsentation. So viele sind auf die Pressemitteilungen von DCS und deren Anwälte aufgesprungen und haben Schlüsse gezogen, die dort zwar genau nicht drin stehen, aber leicht hineininterpretiert werden können. Und so viele Artikel haben dann gedanklich voneinander abgeschrieben und für noch mehr Klicks das noch toller und rosiger für den Kunden dargestellt.

  3. Und ich dachte, dass die horrenden Preise Schuld der Ladekartenanbieter seien. Glücklicherweise lade ich im Alltag Zuhause. Auf Urlaubsfahrten nutze ich fast immer das Angebot von kleinen privaten Betreibern zu 49 Cent/kW. Den Umweg nehme ich dann gerne in Kauf. Diese ganzen Abo-Modelle mache ich nicht mit.

  4. falsche schlussfolgerung: müssen alle für 68ct laden, dann sinkt der Umsatz, weil dann plötzlich Kunden wegfallen die tatsächlich auf den Preis schauen.

    Wenn es tatsächlich nicht günstiger geht, dann ist eMobilität gescheitert weil deutlich teurer als Benzin. Aber ich hoffe eher dass dann neue Konkurrenz aufkommt

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